Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner

von Ingrid Lausund

Öffnen Sie ihr Herz und Ihr Portemonnaie. – Eva, Christine, Leo, Rainer und Eckhard waren noch nie in Guinea-Bissau, aber sie haben ein Foto und ­wollen etwas gegen die Armut tun. Also planen sie eine Benefiz-Gala, um Spenden für den Bau ­einer Schule zu sammeln. Jeder sprudelt nur so vor Ideen und schon stecken sie mitten im Sumpf aus Vorurteilen, Klischees und Halbwissen. »Sterben jährlich 8 Millionen oder 80 Millionen Menschen an Unterernährung?«, wie ist die richtige Betonung von »Hungerkatastrophe«? Und soll die Musterschülerin Valeri (Abi: 1,8), die bei der Show auftreten soll, schlicht als Berlinerin oder besser als »Afro-Berlinerin« vorgestellt werden? Darf man einen Abend über die Dritte Welt unterhaltsam gestalten? Kurz: Es ist nicht leicht, gut sein zu wollen und gleichzeitig politisch korrekt. Der Versuch, die Spenden-Gala zu ­organisieren, gerät zu einer Eitelkeitsshow der Gutmenschen.

Ingrid Lausunds Stück ist eine bissige Farce auf die Betroffenheitsgesten der westlichen Welt, über den täglichen Irrsinn mit der politischen Korrektheit und über das Unbehagen der übersättigten Wohlstandsgesellschaft.

»Ingrid Lausund ist keine Zynikerin. Ihre Figuren sind es auch nicht. Die Autorin schildert aber mit lebensnaher Unerbittlichkeit, wie das banale Miteinander noch die nobelsten Menschen ­perveriert.«
Der Tagesspiegel
 

Regie: 
Brit Bartkowiak
Ausstattung: 
Hella Prokoph
Premiere am ,
Kleines Haus
Dauer: 110 Minuten
Christian Muggenthaler, Landshuter Zeitung/Straubinger Tagblatt – 24.03.3015
» … zupackend, souverän, saftig, zackig … «

»Wie schön. Junge Leute engagieren sich. Sie nehmen sich eines Themas an, das alle angeht: der globalen Ungerechtigkeit. Des Hungers auf der Welt. Im Besonderen: in Westafrika. In Guinea-Bissau. Dort soll eine Schule gebaut werden. Jetzt wollen sie Spenden sammeln. Ein gutes Werk. Aber weil ihr Tun und Treiben erstrangig einem Werk von Ingrid Lausund entspringt, ist es vor allem doppelbödig. Hinterrücks. Und auch ein wenig heimtückisch.
Das Stück ›Benefiz – Jeder rettet einen Afrikaner‹, das jetzt im Kleinen Haus des Theaters Ingolstadt zu sehen ist, handelt von fünf jungen Menschen, die einen Spenden-Gala-Abend für eine afrikanische Schule proben. Diese Probe ist ein Fiasko. Was damit beginnt, dass sämtliche Beteiligten sich die Spielregeln der politischen Korrektheit um die Ohren hauen und beim jeweils anderen Spuren von Rassismus aufzudecken versuchen: eine Art Frühsport der kritischen Vernunft. Lausund zeigt: Das Gute ist oft einfach nur an den Standpunkt des Betrachters gebunden und wechselt die Position gern und schnell wie ein Schwarm Elritzen. Alle fünf Typen haben sehr eigene Vorstellungen über den Sinn und Zweck ihrer Aktion des guten Willens. Jeder kocht sein eigenes Spendensüppchen. Und so definieren die Herrschaften ihre Rollen für den Gala-Abend sehr eigenwillig. Was das Stück in überraschenden, witzigen und manchmal auch beklemmenden Wendungen vorwärtstreibt. Eitelkeiten, Missionarstrieb, Naivität, die pure Lust an der Besserwisserei: Lausund geht an die nicht immer nur edlen Motive heran, die Engagement züchten, nimmt sie unter die Lupe und verflüssigt sie mit der Säure der Ironie. Nicht ohne die Sinnhaftigkeit jeglichen Einsatzes für globale Solidarität zuletzt deutlich zu unterstreichen.
Brit Bartkowiaks Inszenierung ist zupackend, souverän, saftig, zackig im Rhythmus und kann auf die Typen bauen, die ihr Stück und Ingolstädter Schauspielensemble vorgeben. Da ist Eva (Carolin Schär), quiekig-naiv und ausgestattet mit einem bald quälenden Sensor für vermeintliche politische Unkorrektheit. Der eitlen Christine (Mira Fajfer) ist die Sache im Kern nicht ganz so wichtig, sie will beim Spendenabend vor allem als Darstellerin glänzen. Leo (Anjo Czernich) ist der Pragmatiker, der zugleich so gern als Entertainer wirken würde. Rainer (Béla Milan Uhrlau) geht das Gutmenschentum allmählich ernsthaft auf den Senkel, weshalb er sich als neoliberales Monster geriert. Und Eckhard (Matthias Zajgier) schließlich orientiert sich an fragwürdigen TV-Fernsehpredigern. Schönes Typen-Theater also, in dem die jungen Darsteller sich auch den Spaß machen dürfen, eher unbedarfte Mimen zu mimen. Nach der Aufführung werden Spenden gesammelt für eine Schule in Guinea-Bissau. Sehr sinnvoll, das Ganze.«

 

Isabella Kreim, Kulturkanal – 23.03.2015
»Bei dieser Aufführung passt einfach alles.«

»Sie hat ein großes Tuch mit der Landkarte der Welt um sich geschlungen, den Arm emphatisch zum Himmel gereckt: Wie die heilige Johanna von Friedrich Schiller oder die Symbolfigur der Französischen Revolution will sie ihr Publikum zu Spendengeldern für eine Schule in Afrika animieren. Aber werden  richtige Argumente über die Solidarität auf Augenhöhe mit Hilfsbedürftigen in Afrika nicht unglaubwürdig und sogar oberpeinlich, wenn sie mit zu viel Selbstdarstellungspathos vorgetragen werden? Wie präsentiert man die eigenen Motive und einen Spendenaufruf für eine gute Sache überzeugend, angemessen und möglichst effektiv? Es ist ein kluger Schachzug der in Ingolstadt geborenen Autorin Ingrid Lausund, dass sie in ihrem Theaterstück ›Benefiz- Jeder rettet einen Afrikaner‹ die Fragen  nach sinnvollen Hilfsprojekten in eine Probe zu einer Wohltätigkeits-Show verpackt. Denn dadurch lässt sich – auch sehr komisch – darüber streiten: ›Was können wir tun? Und welches ist der richtige Weg?‹ Und gleichzeitig werden die unterschiedlichen Motive und persönlichen Eitelkeiten der Weltverbesserungsaktivisten hinterfragt und  oft auch entlarvt. Fünf Gutmenschen diskutieren, streiten, probieren, mit welchen Reden und kleinen Szenen, mit welchen Argumenten und Strategien sie am besten überzeugen und Spendengelder für eine Schule in Afrika sammeln können. Sachlich über Hunger, Krankheiten, Lebensbedingungen und Kriege informieren oder eher an die Betroffenheit und an das schlechte Gewissen appellieren? Sie versuchen sich gegenseitig in der Präsentation ihres Anliegens auszustechen, rivalisieren um den wirkungsvollsten Auftritt  und versuchen sich gegenseitig zu inszenieren. Sollte man hier nicht Applaus herausfordern?  Wäre dort nicht ein fingierter  Tränenausbruch angebracht oder eine ›spontane‹ Umarmung wirkungsvoll? Das geht bereits mit einem Streit darüber los, ob es politisch korrekt ist, eine schwarze Freundin, man sollte sie Afro-Bajuwarin nennen!, zum Mitmachen zu bewegen. Eine Diashow soll gezeigt werden. Aber abgesehen davon, dass der Projektor nicht funktioniert: Ist die Bildauswahl wirklich richtig so? Sollte man nicht lieber verschweigen, dass es in diesem Ort eine, wenn auch kaputte, Alkoholfabrik gibt? Und sollte man die schockierenden Bilder nicht doch lieber herausnehmen? Sehr komisch, wie alle vor einer leeren Leinwand ihre heiteren oder erschütterten Reaktionen auf die unsichtbaren Bilder proben. Jeder kann einen Afrikaner retten. Aber welchen? Für 12 Euro kann man ein afrikanisches Patenkind vor dem Verhungern bewahren. Legt man etwas mehr Geld drauf, kann man ihm sogar eine Schulbildung ermöglichen. Aber soll man sich nun für Paolo entscheiden, der auf der Straße lebt, auf Wellpappe, wie Eckhard mit Pappkartons demonstriert, oder für Lucile, das Mädchen ohne Arme oder besser für die sicher enorm traumatisierte Kinderprostituierte? Aber ist das Geld nicht vergeudet, weil sie mit 14 vielleicht schon zu alt ist, um noch auf einen guten Weg gebracht werden zu können? Jeder der fünf versucht einen persönlichen Spendenaufruf. Christine, die immer Wert auf eine professionelle Performance legt und sich für die einzige mit Bühnenpräsenz hält, spielt ihr Anliegen wie einen Werbespot für irgendeine Leckerei. Rainer, der intellektuelle Zauderer, der schon mit seinem Halbwissen über Afrika keine Glanznummer hingelegt hat, wird plötzlich zum Skeptiker, der überlegt, ob wirklich alle Menschen gleich viel wert sind. Und Leo hat keine Lust, ewig ein schlechtes Gewissen haben zu müssen und bekennt, dass er eigentlich nur aus Spaß an der  gemeinsamen Freizeitgestaltung mitmacht.  Worüber wieder die super engagierte Eva, die extra eine Palme für den Abend gebastelt hat, ausflippt. In der Ausstattung von Hella Prokoph bauen sie während ihrer Wohltätigkeits-Probe selbst eine Schule mit Schulbänken und Ministühlen auf die Bühne im Kleinen Haus. Regisseurin Brit Bartowiak hat mir ihren 5 wunderbaren Darstellern hervorragend die Untiefen aus glaubwürdigem Anliegen  und verlogener Vermarktung, unfreiwilliger Komik aus Übereifer,  die Rivalitäten und  Animositäten auch unter Weltverbesserern und die ernst zu nehmenden  Unsicherheiten  im Umgang mit solchen Hilfsprojekte-Promotions ausgelotet. Herrlich, wie Matthias Zajgier, als Eckhard eine Mischung aus salbungsvollem Pfarrer und sanftmütigem Sozialpädagogen, jedesmal vor dem Wort ›Mensch‹ eine Pause einlegt, um  einen Bedeutungsgang höher einzulegen, wenn er mit pädagogischem  Kindergartenton den Ernst der korrekten Sprachregelungen mitteilen will.  Bela Milan Uhrlau spielt einen Typen, der sich mit souveräner Distanz dem Vorhaben annähert. Und gerade dieser Intellektuelle verhedert sich saukomisch in seinem Halbwissen aus ausgedruckten Wikipedia-Artikeln. Hinreißend, wie  Carolin Schär als Eva ihr Anliegen mit kreischender  Emphase verkauft und die anderen tierisch mit ihren hysterischen Ausbrüchen nervt. Und Mira Fajfer reißt als Christine alle Auftritte an sich, ohne zu merken, dass für sie diese Wohltätigkeits-Gala nur so etwas wie ein Dschungelcamp-Auftritt mit Gutmenschen-Image ist. Und auch die Zuschauer sind nicht davor gefeit, etwa dem wunderbaren Wutausbruch von Matthias Zajgier über unsere Abwehrreaktionen gegen Betroffenheitsgesten auf den Leim zu gehen, bis er auch dieses leidenschaftliche Plädoyer Für Mut zu Mitgefühl als kalkulierte Attitüde entlarvt. Und bei allem Irrsinn aus Selbstdarstellungseitelkeiten, Animositäten, Argumenten und Appellen bleibt zum Schluss vielleicht eine ganz bescheidene Botschaft, die Anjo Czernich, still und nüchtern vorträgt. Nicht gleich die ganze Welt retten wollen, nicht so viel grübeln und abwägen und lange überlegen: einfach spenden! Bei dieser Aufführung passt einfach alles. Text, Inszenierung, Darsteller. Und daher gilt auch für  ›Benefiz- Jeder rettet einen Afrikaner‹:  Nicht lange überlegen. Einfach hingehen.«