Die 39 Stufen

von John Buchan & Alfred Hitchcock

by arrangement with Edward Snape for Fiery ­Angel Limited • Bühnenbearbeitung von Patrick Barlow • Originalkonzept: Simon Corble und Nobby Dimon • Deutsch von Bernd Weitmar

Großes Kino auf offener Theaterbühne – Richard Hannay lernt im Londoner West End die schöne und geheimnisvolle Annabella Schmidt kennen – eine Spionin, die sich hilfesuchend an ihn wendet. Sie erzählt ihm, sie sei einer Verschwörung auf der Spur. Hannay glaubt ihr kein Wort, aber er nimmt sie mit nach Hause. Noch in derselben Nacht fällt ihm Annabella in die Arme – sterbend, mit einem Messer im Rücken und ihrem Geheimnis auf den Lippen. Damit endet Hannays langweiliges Leben. Ehe er sich versieht, steht er selbst unter Mordverdacht und hat nicht nur die feind­lichen Agenten, sondern auch noch Scotland Yard auf den Fersen. Da hilft nur eins: Flucht! Die ­Reise führt von London über Edinburgh bis in die schottischen Highlands und zurück. Mit dem Zug, im Auto und zu Fuß, durch Sumpf und Nebel, reißende Flüsse, Berge, Weidezäune und Felsspalten. Eine rasante Verfolgungsjagd auf offener Bühne beginnt. Hannay gerät von einer absurden Situation in die nächste. Es ist ein Rennen gegen die Zeit, eine Sache von Tagen, vielleicht nur von Stunden. Kann er das mysteriöse Geheimnis um die »39 Stufen« noch rechtzeitig lösen? Hannay ­begreift, dass er als einziger die feindlichen Agenten stoppen und damit sein Land vor dem ­Untergang retten kann. Und dabei ist er kein ­Superheld, kein professioneller Gangsterjäger – ­Hannay ist einer von uns.

Mit feiner Ironie und unglaublicher Theateraktion entsteht eine rasante Komödie. Die Geschichte bietet ein Abenteuer voller Spannung, Liebesromanzen, britischem Humor und Situationskomik. Patrick Barlow nahm den Hitchcock-Klassiker »Die 39 Stufen« als Grundlage für sein turbulentes Bühnenwerk, das mit dem Thrillergenre spielt und Komik und Spannung miteinander verbindet. Das Stück wurde u.a. mit dem Olivier Award für »die Beste New Comedy« ausgezeichnet.

»Eine Geschichte darf unwahrscheinlich, aber sie darf nie banal sein. Sie sollte dramatisch und menschlich sein. Das Drama ist ein Leben, aus dem man die langweiligen Momente ­herausgeschnitten hat.«
Alfred Hitchcock
 

Regie: 
Anatol Preissler
Kostüme: 
Charlotte Labenz
Dramaturgie: 
Paul Voigt
Premiere am ,
Kleines Haus
Dauer: 130 Minuten, mit Pause
Dr. Isabella Kreim, Kulturkanal – 28.11.2014
» ... durch alle Höhen und Tiefen zwischen Krimispannung und Albernheit ... «

»Das Theater kann vieles nicht, was der Film ganz einfach zeigen  kann: mit einem Filmschnitt mühelos von einem Schauplatz zum anderen zu springen oder Verfolgungsjagden in Eisenbahn, Flugzeug oder Auto. Aber aus diesen Defiziten lässt sich komödiantisches Kapital schlagen. Zum Beispiel so: Während  Mr. Hannay  mit dem Finger das Rollo am Fenster seitlich anlupft, um vorsichtig auf die Straße zu schauen, ob es stimmt, dass unter der Straßenlaterne zwei dubiose Agenten stehen wie sein Gast, eine geheimnisvolle Spionin, sagt, schleppen zwei Gestalten eine Straßenlaterne herein, bauen sich kurz auf,  Hut tief im Gesicht, Zigarette im Mund. Lässt Mr. Hannay das Rollo wieder zuklappen, rennen  sie wieder hinaus. Und wenn Mr. Hannay ein paar mal hintereinander mit dem Finger am Rollo spielt, rennen die beiden Herren jedes Mal mit ihrer Straßenbeleuchtung hektisch rein und raus und raus und rein, bis einer von ihnen sagt: ›Jetzt reicht's aber.‹
Komisch ist außerdem, wenn 3 Darsteller in rasanten Umzügen 48 Rollen verkörpern müssen, und es ist ein  gefundenes Schauspielerfutter, mit wenigen, aber drastischen Veränderungen in Mimik und Sprechweise sekundenschnell vom aufdringlichen Zeitungsjungen zu einem Zugpassagier, oder von einem exaltierten Conferencier zum coolen Scotland-Yard-Inspektor zu switchen.
Und komisch ist es außerdem, mit wenigen improvisierten Requisiten die wechselnden Schauplätze wie Varietétheater und Zugfahrt, Bauernhof und Hotelzimmer, Klippen am Meer und Verfolger im Flugzeug auf die leere Bühne zu bringen oder durch einen hoch gehaltenen Bilderrahmen als Fenster  umständlich zu fliehen oder rumpelndes Zugabteil mit entsprechenden Tür- oder Fenster-Öffnungsgeräuschen zu spielen...
Und am größten ist die parodistische Fallhöhe natürlich, wenn es sich bei derlei Bühnenspaß um Meisterwerke unserer Kulturgeschichte handelt. (...) Worum es eigentlich geht, wer wem welches Militärgeheimnis warum abluchsen will, ist nicht so wichtig. Aber auch das erfährt man zum Schluss auf originelle Weise. (...) Mit seiner Inszenierung für das Kleine Haus des Stadttheaters Ingolstadt hat Regisseur Anatol Preissler bereits zum dritten Mal bei ›Die 39 Stufen‹ Regie geführt.  Er weiß also genau, mit welcher akribischen Organisation das Räderwerk dieser rasanten Komödie in Gang gesetzt und gehalten werden muss. Der Autor hat weitgehend die originalen Filmdialoge verwendet – der Rest der Komödie besteht aus  Regieanweisungen. Hinter der Bühne sorgen mehr Menschen für den reibungslosen Ablauf als auf  der Bühne ins Schwitzen kommen. Daher durften sich zurecht diesmal auch alle für Kostüme, Maske und Technik Hilfreichen mit verbeugen. Und was Kostümbildnerin Charlotte Labenz an Logistik für 49 Rollen und 60 Umzüge ausgetüftelt hat, mag man sich gar nicht wirklich vorstellen müssen. Anatol Preissler reizt alle Möglichkeiten an Theatermitteln, an überraschenden Stilbrüchen und unerwarteten szenischen Gags aus. Pantomime und Slowmotion-Verfolgungsjagd, Slapstick und Klamauk, Schattenspiele mit Menschen und mit Scherenschnitten inklusive des obligatorischen Auftritts von Alfred Hitchcock selbst, minutiöse akustische Geräuscheinspielungen,  emotionaler orchestraler Soundtrack, große Tragödie und deftige Klamotte, Krimispannung  und zarte Liebesanbahnung werden stilgenau zitiert. Doch bei aller vergnüglicher Rasanz hält Regisseur Anatol Preissler Maß, sodass Irrsinn und  Klamauk nicht überborden.
(...) Neben allen Einfällen von Autor und Regisseur lebt der Abend natürlich von den 4 Darstellern. (...) Olaf Danner als der unfreiwillige Held der Geschichte hat sichtlich keine Lizenz zum Töten. Er ist smart und ein bisschen durchschnittlich und daher als unschuldig Verfolgter zunächst  ziemlich überfordert, bis er dann doch ein wenig Gefallen zu finden scheint an seinem unfreiwilligen Agenteneinsatz  - und an der zunächst durch Handschellen an ihn gefesselten Pamela. Patricia Coridun bringt in ihren Frauenrollen schöne Momente  ruhiger Ernsthaftigkeit ins Nonsens-Geschehen, als souverän-elegante Agentin mit russischem Akzent, als unterdrückte Bauersfrau und auch als Pamela, die sich irgendwann in diesen mutmaßlichen Frauenmörder verliebt. Die Hauptlast der Rollenwechsel aber tragen Peter Reisser und Jan Gebauer. Großartig, was sie alles an skurrilen Typen erfunden haben. Peter Reisser als uralter Wahlkampfredner, der unverständlich Leises und durch wildes Gestikulieren so Beredtes vor sich hinmurmelt. Sein einsilbiger schottischer Hotelbesitzer, der Gedächtniskünstler oder der österreichisch-joviale Polizeipräsident oder echte oder falsche Polizisten, mal hektisch-doof - mal mit Pokerface. Jan Gebauer trumpft in Frauenrollen klamottig auf und überrascht mit Understatement als  distinguierter Gangsterboss,  spielt großes Theater als gefährlich  langsam und massiv agierender Bauer  und parodiert großes Theater als pathetisch einen endlosen Theatertod Sterbender.
Es sind mehr als 39 Stufen an blitzschnellen Situations- und Stilwechseln in dieser Aufführung zu erklimmen. Und dies  macht auch die Zuschauer ziemlich atemlos. Kaum glaubt man sich in Ruhe schief lachen zu dürfen, könnte man sich wieder fast erschrecken. ›39 Stufen‹ ist jedenfalls ein amüsanter Theaterabend, der durch alle Höhen und Tiefen zwischen Krimispannung und Albernheit jongliert. Großer Beifall.«

Friedrich Kraft, Augsburger Allgemeine/Neuburger Rundschau – 01.12.2014
»Da bleibt kein Auge trocken. Muss man gesehen haben!«

»Ein starkes Stück folgt derzeit dem anderen am Stadttheater. Euphorisch beklatschte das Publikum jetzt im Kleinen Haus die Premiere der Kriminalkomödie ›Die 39 Stufen‹. Sie geht zurück auf den gleichnamigen Bestseller des schottischen
Autors John Buchan. Cineasten ist die legendäre Verfilmung Alfred Hitchcocks 1935 in Erinnerung. 2005 hat Patrick Barlow den Stoff für die Bühne bearbeitet und wurde für diese Perle des britischen Humors mehrfach ausgezeichnet.
(...) Gastregisseur Anatol Preissler erweist sich als Glücksgriff. Er hat eine pseudobarocke Bühne auf die Bühne bauen lassen mit Vorhang und zwei Seitenlogen. Im Theater schließlich beginnen und enden ja die Verstrickungen des Mr. Hannay. Die weiteren Schauplätze werden einfallsreich mit simpelsten Mitteln markiert. Charlotte Labenz trägt mit ihrer witzigen Kostümgestaltung einen wesentlichen Spaßfaktor bei.
Das Wunderbare, Aufregende, höchst Vergnügliche an dieser pfiffigen Inszenierung aber ist, wie das Theater hier aus seinen ureigenen Mitteln schöpft. Alles wird aufgeboten, was das Handwerk hergibt: Trickserei, Ulk, Slapstick, Situationskomik in Fülle. Und Höchstleistungen bei den Helfern hinter den Kulissen. Olaf Danner gibt die Hauptrolle souverän. Was indessen Patricia Cordun, Peter Reisser und Jan Gebauer leisten, verdient das Prädikat sensationell. Sie schlüpfen ständig in neue Rollen, oft sekundenschnell, und sei es nur durch den Wechsel von Hüten, Mützen und Mänteln. Alles vorzüglich gemacht, virtuos, artistisch. Eine atemberaubende Verwandlungsorgie. Vor allem Gebauers unglaubliche Nummern als Putzfrau, Matrone im Gasthof, Polizist, Inspektor, Professor im schier endlosen Todeskampf sind grandioser, höchst kunstfertiger Klamauk. Da bleibt kein Auge trocken. Muss man gesehen haben!«