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Hauptsache Arbeit! - Pressestimmen

Florian Welle, Süddeutsche Zeitung – 27.01.2015
» ... die Eskalationsschraube gemächlich und kaum wahrnehmbar angezogen.«

»Stress, Burnout, Depressionen: Die Leistungsgesellschaft frisst ihre Mitarbeiter. Der Befund ist nicht neu, schließlich gibt es Arbeitskampf und Arbeitskrampf nicht erst seit gestern. Seitdem Job und Karriere zur allein selig machenden Sinngebungsinstanz hochgejazzt worden sind, funktioniert alles höchstens noch ein bisschen perfider. Heutzutage beuten wir uns selber aus, freiwillig! Literatur und Theater arbeiten sich schon länger am Thema ab. Die Romane ›Business Class‹ von Martin Suter und ›wir schlafen nicht‹ von Kathrin Röggla sind hier zu nennen wie die Dramen ›Top Dogs‹ und ›Familien Unternehmer Geister‹ von Urs Widmer und Robert Woelfl. Was Sibylle Bergs 2010 uraufgeführtes Stück ›Hauptsache Arbeit!‹ von all diesen Werken unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie sich nicht eine spezielle Gruppe vorknöpft.

Der Ort der Handlung ist ein Vergnügungsschiff, dort finden sich von der Büromaus bis zur Führungskraft alle Mitarbeiter einer Assekuranz zur Firmenfeier ein, Motivationstrainer, laut Autorin die ›Motivationsratte‹, inklusive. Soll heißen: Alle sitzen im gleichen Boot. Alle sind in Not. Und am Ende sind alle tot. Bis auf die Ratte, versteht sich. Markus Heinzelmann hat die Tragikomödie auf das symbolträchtigste Schiff der Moderne verlegt: Auf die Titanic. Der für unsinkbar gehaltene Luxusliner steht für die Hybris des modernen Menschen. Gemeinsam mit dem Ausstatter Christoph Ernst hat Heinzelmann die Bühne des Ingolstädter Stadttheaters mit einer prächtigen Kopie der berühmten Großen Treppe komplett verstellt.

Das holzvertäfelte Ambiente atmet eine deprimierende Gediegenheit. Nach und nach fluten die Versicherungsameisen den Raum, zu sanfter Salonmusik – aufgelegt vom Käpt’n persönlich – steuert das Schiff in die Katastrophe. Was hier nicht den Zusammenstoß mit einem Eisberg meint. Sondern den Zusammenprall mit dem ganzen Seelenmüll, den die Passagiere mit sich führen, und den ein groteskes Gesellschaftsspiel, das da heißt – einer von uns beiden verliert den Job – unerbittlich hervorholt: vom Selbsthass über Beziehungsstörungen bis zum Fitnesswahn. Zu Sibylle Berg gehören Zynismus, Übertreibung und Vereinfachung dazu, wie das Amen in der Kirche.

Was die Inszenierung geschickt macht: Sie kommt nicht laut daher. Während der Luxusliner vor sich hin schippert, wird von Heinzelmann die Eskalationsschraube gemächlich und kaum wahrnehmbar angezogen. Und ehe man es sich versieht, stolpert in der einen Ecke ein Darsteller, kippt in der anderen einer das entscheidende Glas zu viel. Nur kurz wird dann mal gebrüllt, wird gerammelt und geprügelt, ehe alles wieder seinen unvermeidlichen Lauf nimmt. Zwischendurch intonieren die Darsteller immer mal wieder Celine Dions Titanic-Song ›My Heart Will Go On‹.

Das neunköpfige Ensemble spielt subtil. Es lässt die Hosen runter, aber nicht zack zack, sondern langsam, verzweifelt. Der ein oder andere Zuschauer mag sich ertappt fühlen. Am Ende gibt es langen Applaus. Aber keinen lauten, überschwänglichen, sondern einen zurückhaltenden und nachdenklichen.«

Christian Muggenthaler, Bayerische Staatszeitung – 30.01.2015
»Das Ensemble setzt dieses Verunsicherungs-Taumeln perfekt um.«

»Entfremdung durch Arbeit: ein Dauerbrennerthema auf den Bühnen. Wie auch anders? Die Arbeit und ihr Antipode, die Arbeitslosigkeit, prägen Biografien und ganze Gesellschaften. Sibylle Bergs Hauptsache Arbeit!, eine bitterböse Analyse der Gegenwart, setzt spitze, schneidende Wahrheiten übers Thema in einen ineinanderfließenden Redeschwall von Angestellten. Die Ausgangssituation: ein Firmenausflug auf einem Schiff, der Chef und ein eigens eingestellter Effektivitätsguru, die ›Motivationsratte‹, erklären die Regeln. Es wird ein Kampf um die Arbeitsplätze ausgerufen. Ein Kampf auf Leben und Tod.
Das sind so die Komödien, bei denen sich Humor in Schmerz verwandelt. (...)
Regisseur Markus Heinzelmann hat die Textflächen der Autorin seinerseits noch einmal leicht umoperiert. Er übersetzt die Selbstauskünfte der Menschen auf der Bühne, die nicht begreifen, dass Einsamkeit der Selbstsucht entspringt und Frustration falsch gewordenen Idealen, in durchaus auch mal schwankende Bewegung. Ausstatter Christoph Ernst hat ihm eine absurd realistische Bühne gebaut: einen Schiffssalon mit ausladender Treppenanlage, Clubsesseln und holzvertäfeltem Interieur, ganz so, als handelten die Figuren in einem gehobenen Boulevard-Stück der 1950er Jahre.
Und in der Tat, so ist es auch: Das Lebensideal der Mittelschicht-Leute, die Berg und Heinzelmann zeigen, ist radikal rückwärtsgewandt. Fleiß, Häuschen, Treue zur Firma bedeuten Erfüllung. Die vage Ahnung, dass rasante Veränderungen auch in der Arbeitswelt diese Vorstellungen von Behaglichkeit längst zerbröselt haben, führt in dieser Inszenierung zu einem Grundschwanken des Personals. Mal wegen des Seegangs, mal wegen des Alkoholgenusses: Der Daseinsgrund ist unsicher geworden. Das Stück zeigt diese große Verunsicherung augenfällig und kann wohl auch diese augenfällige große Wut mit erklären helfen, die derzeit in Teilen des Mittelstands zu herrschen scheint. Die schimmert in der Inszenierung permanent durch.
Das Ensemble setzt dieses Verunsicherungs-Taumeln perfekt um. Was schon allein deshalb witzig ist, weil alle im Dienste einer Versicherungsfirma tätig sind. Für atmosphärische Dichte sorgt die Musik von Christine Hasler, die sich unaufdringlich zwitschernd zwischen leicht dramatischer Filmmusik und Easy Listening tummelt. Das Ende vom Lied: Die Ratten übernehmen das Schiff. Sie haben es immer schon besser gewusst.«

Friedrich Kraft, Augsburger Allgemeine/Neuburger Rundschau – 26.01.2015
» ... Kampf ums Überleben ... «

»(…) Zu betrachten ist anschließend über 105 Minuten der Verlauf eines Betriebsausflugs. Die Versicherungsgesellschaft hat ihre Belegschaft auf eine Flussfahrt geladen. Vorgeführt werden Menschen, die ›am Morgen gerne weinen würden‹. ›Und in der Nacht, da schlafen sie vor Angst nicht ein‹. Von wegen Selbstverwirklichung im Beruf. Nur Kampf ums Überleben. Unter dem verlogenen Motto Gemeinschaftsgefühl und Firmenverbundenheit absolvieren die Angestellten ein Motivationsprogramm, zu dem auch Stromschlag-Attacken zählen. Und am Rande des Festes missbraucht der Chef reihenweise die weiblichen Beschäftigten. Zuletzt bringen die Ratten nach der Vergiftung der Bagage vor dem Leichenhaufen einen Salut aus auf die ›verrotende Welt‹.  Markus Heinzelmann hat diese merkwürdige, böse, schwarze, Komödie in Ingolstadt eingerichtet – sehr bemüht, die Absurdität des Stücks mit seinem Textwust über das Angestellten-Elend spielerisch widerzuspiegeln, aber wenig interessiert an den Regie-Empfehlungen der Autorin. (…) Die Schauspielerinnen und Schauspieler geben in diesem reichlich verrätseltem Opus ihr Bestes.(…)«

Isabella Kreim, Kulturkanal – 26.01.2015
»Herrlich bissige Bonmots«

Nur die Ratten überleben.

 

»Mit ›Hauptsache Arbeit!‹ hat die Spiegel-Kolumnistin, Prosa- und Theaterautorin Sibylle Berg eine zynische Groteske über durch Arbeit und Leben gleichermaßen Gefühl- und Identitätslose Zeitgenossen  geschrieben. Das 2010 in Stuttgart uraufgeführte Theaterstück hatte letzten Samstag im Großen Haus des Stadttheaters Ingolstadt Premiere. Auf dem Bühnenportal erscheinen immer wieder Warnhinweise wie auf Zigarettenschachteln ›Leben fügt Ihnen und Ihrer Umgebung erheblichen Schaden zu‹. Wer so lebt und arbeitet wie das Personal auf der Bühne und wir alle, lebt gefährlich. Ein Betriebsfest auf einer Luxusyacht wird zum Selbstentlarvungs-Tripp für die Angestellten einer Versicherung.  Bis zum bitteren Ende. Bis alle erkennen, dass es besser ist, den Giftcocktail zu schlucken, als so weiterzuleben. Die beiden Ratten, der Motivationstrainer und sein als Schiffskapitän und DJ getarnter Komplize lassen noch einmal genüsslich Revue passieren, wie sie diese Angestellten in den kollektiven Suizid manipuliert haben. Die moderne Arbeitswelt ist eine Reise, bei der Schiffbruch längst überfällig ist. Die  Motivationstrainer-Ratte ist der Katalysator, der die Katastrophe beschleunigt. Ob sie sich mit Sport fit fürs Arbeitsleben halten oder mit Alkohol die Unerträglichkeit der Kollegen übertünchen, ob sie sich selbst demütigen, gerne unterbezahlt und ausgebeutet zu arbeiten  oder davon träumen, wenigstens eine langweilige Ehe in einem hässlichen Reihenhaus und einem bescheuerten Urlaub auf Teneriffa zu haben: Sie wissen weder wofür sie arbeiten noch wofür sie leben. Es wird getanzt, gegessen und getrunken, der Chef holt sich die weiblichen Angestellten der Reihe nach zum gelangweilten Sex mit Plastiktüte über dem Kopf der Frau, und der Motivationstrainer stellt ihnen Aufgaben. Um ihren Job nicht zu verlieren, müssen sie begründen, ›wie die Firma ihr Leben gerettet hat‹ und  obwohl sie keine Ahnung haben, wozu sie arbeiten, sind sie dennoch bereit, die Konkurrenten durch Stromstöße auszuschalten, um diesen sinnentfremdeten Arbeitsplatz zu behalten. Denn ein Leben ohne Arbeit wäre noch katastrophaler. Sie haben keine Biografien, aber sie erzählen Episoden und Anekdoten aus ihren Leben. Ob aus Wettkampftaktik  erfundene oder durchlittene ist ziemlich egal. Ob der, dessen Frau von einem Bus überrollt wurde, keine Lust hat, zeugungsaktiv zu werden oder der, der seine Kollegin jahrelang mit dem Kaffeeautomaten verwechselt hat, ist austauschbar. Denn individuelle Schicksale, Ängste oder Sehnsüchte zu haben, entspricht nicht der Radikal-Diagnose von Sibylle Berg. Stattdessen plappern sie von Magenübersäuerung und Urlaub, der Jugend als Möchtegern-Punk  und der Mutter, die nackt im Altersheim tanzt oder dem Koffer, mit dem die Frau sie verlassen hat. Das formale Vorbild sind die Textflächen einer Elfriede Jelinek. Auch bei ›Hauptsache Arbeit!‹ können die Texte beliebig auf beliebig viele Sprecher aufgeteilt werden. Von der Grundkonstellation einer Firmenbetriebsfeier auf einem Schiff mit Motivationstrainer abgesehen, besteht das Stück aus einer Aneinanderreihung sarkastischer Glossen über das Desaster Leben und Arbeiten. Als würde  man ein Jahrespensum wöchentlicher Sibylle-Berg-Kolumnen mit verteilten Rollen lesen. Das kann trotz der herrlich bissigen Bonmots  ganz schön ermüdend sein -  und ist es streckenweise auch. Regisseur Markus Heinzelmann hat sich bemüht, aus dem theatralen Stillstand einigen szenischen tragikomischen Witz zu ziehen, ohne die Kurzmonologe zur schrägen Nummernrevue aufzumotzen.  Anstatt unterschiedlicher Schauplätze auf dem Schiff gibt es in dieser Inszenierung nur den einen Showroom einer eleganten Schiffs-Lounge mit grandiosem Treppenaufgang. Unterschiede zwischen  dem privaten Verlegenheitsgeplänkel unter Kollegen und den Wettkampfreden um den Joberhalt, zwischen Plauderton und grotesker Überzeichnung verschwimmen. Momente der Glaubwürdigkeit, der Authentizität werden diesen Kreaturen ja sowieso abgesprochen. Wozu also noch Notlügen und Wahrheiten  unterscheidbar machen? Die Schauspieler sind nicht zu beneiden. Denn ihre Aufgabe ist es, um keinen Preis menschliche Figuren darzustellen, sondern  zynische, knallharte und pointiert formulierte Sottissen über die Sinnlosigkeit des Lebens, der Arbeitswelt und die eigene Deformiertheit abzusondern. Das ist kein Problem bei  der Motivationsratte von Ralf Lichtenberg, der seine Schäfchen milde lächelnd und amüsiert über ihre vergeblichen Rettungsversuche zur Schlachtbank führt. Peter Greif, der in der Maske eines Traumschiffkapitäns süffisant den Weg zum Abgrund kommentiert, ist ansonsten den ganzen Abend über weitgehend am Keyboard geparkt. Peter Polgar spielt einen  herrlich arrogant-schnöseligen Chef, der sich erhaben glaubt über die seinen Untergebenen auferlegten Spielregeln. Vergeblich. Die Angestellten  zeigen ihre firmeninterne Uniformität, indem sie synchron im Takt lachen und klatschen. Zu spielen haben die Schauspieler keine Charaktere mit ihren Macken, sondern bestenfalls kabarettistisch überhöhte Selbstdarstellungsnummern. Und es ist wohltuend, wenn Thomas Schrimm, Peter Reisser, Simone Stahlecker, Renate Knollmann, Mira Fajfer und Enrico Spohn dann doch manchmal zu wütenden, verzweifelten, tragikomischen Ausbrüchen finden. Natürlich ohne dass man  an deren  verkorksten Leben  Anteil nehmen könnte. So wie es Sibylle Berg fordert: Bloß kein Mitgefühl! Wo bei Elfriede Jelinek noch die Hoffnung auf die kathartische Wirkung ihrer Wut zu spüren ist, mit der sie deutsch-österreichische Verdrängungen und Verlogenheiten bloß stellt, herrschen bei Sibylle Berg die Totalverweigerung jedes Hoffnungsschimmers und der Mangel jeglicher Empathie. Das ist radikal. Aber darin liegt auch das Problem, das man mit diesem Stück haben kann. Die Autorin beschreibt diese Menschen ähnlich teilnahmslos wie der Ratten-Motivationstrainer diese erbärmlichen Lebenskrüppel mit einem sanften Todesdrink erlöst. Regisseur Markus Heinzelmann schafft es immerhin, diese Schlussszene durch grotesk-komische Wiederauferstehungen abzumildern,  indem sich einzelne noch einmal erheben, z.B. um den Wunsch zu äußern,  mit  Eleganz zu sterben. Diesen Wunsch hat Ausstatter Christoph Ernst erfüllt. Ein mondäner Treppenaufgang, Holzvertäfelung, Gobelin im Goldrahmen, feudale  Biedermeier-Möbel. Ihr Untergang geschieht in einem stilvollen Ambiente. Die Titanic lässt grüßen. Nur eine Hoffnung, eine Würde, setzt  Regisseur Markus Heinzelmann Sibylle Bergs bitterer Analyse entgegen. Das Personal ist in der Lage, zwischendurch unvermittelt, kunstvoll mehrstimmig und harmonisch gemeinsam zu summen. So schön sozial verbindend  wie der Dorfchor in ›Wie im Himmel‹ ...«