Hauptsache Arbeit!

von Sibylle Berg

Ein Schiff treibt auf offenem Meer. – Die letzten ­Lebewesen sind drei sprechende Ratten, und sie erzählen, wie es zu der Katastrophe kam. Der prachtvolle Vergnügungsdampfer wurde von einer großen Firma gechartert, Anlass war die alljährliche Betriebsfeier. Diese Feier ist für einen Teil der Belegschaft der Höhepunkt des Jahres, für den anderen Teil ist es die Pest. Das Schiff legt ab, es wird getanzt. Und als die Stimmung ihren Höhepunkt erreicht, wird verkündet, dass zum Wohle der Firma Entlassungen anstehen. Jetzt kommt ein Motivationstrainer und erklärt die Spielregeln. Jeder muss begründen, warum er/sie auf keinen Fall entlassen werden kann. Jeder muss mitspielen, Weigerung ist zwecklos. Und während auf Deck jeder seine intime Beichte ablegen muss, laufen im Bauch des Schiffes ganz andere Spiele ab, die selbst den Einsatz von Stromschlägen nicht scheuen. Hier und da gibt es auch subversive Ecken, wo die Machtkämpfe und Intrigen, die den normalen Alltag und die ­Produktivität belasten, kurz ruhen. Doch bis in die kleinste Einheit, quer durch alle Führungs­ebenen und Lohngruppen, dringt die Debatte, wie sehr das Leben an der Arbeit hängt und ob ­Arbeit – jedenfalls in ihrer jetzigen Gestalt – nicht Mittel zum Zweck ist, eine großflächige ­Revolte zu ­verhindern.
Mit rabenschwarzem Humor, Sarkasmus und ­unendlicher Traurigkeit entwirft Sibylle Berg ein Betriebsfest als Ausnahmesituation. Frohsinn, Motivation und dann die große Show der Selbstkritik.

»… Kritik der Konsum- und Arbeitsgesellschaft und finsterer absurder Humor, Angestellten-Tristesse und quietschbuntes Firmenkabarett.« FAZ
 

Regie: 
Markus Heinzelmann
Ausstattung: 
Christoph Ernst
Musik: 
Christine Hasler
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 105 Minuten
Florian Welle, Süddeutsche Zeitung – 27.01.2015
» ... die Eskalationsschraube gemächlich und kaum wahrnehmbar angezogen.«

»Stress, Burnout, Depressionen: Die Leistungsgesellschaft frisst ihre Mitarbeiter. Der Befund ist nicht neu, schließlich gibt es Arbeitskampf und Arbeitskrampf nicht erst seit gestern. Seitdem Job und Karriere zur allein selig machenden Sinngebungsinstanz hochgejazzt worden sind, funktioniert alles höchstens noch ein bisschen perfider. Heutzutage beuten wir uns selber aus, freiwillig! Literatur und Theater arbeiten sich schon länger am Thema ab. Die Romane ›Business Class‹ von Martin Suter und ›wir schlafen nicht‹ von Kathrin Röggla sind hier zu nennen wie die Dramen ›Top Dogs‹ und ›Familien Unternehmer Geister‹ von Urs Widmer und Robert Woelfl. Was Sibylle Bergs 2010 uraufgeführtes Stück ›Hauptsache Arbeit!‹ von all diesen Werken unterscheidet, ist die Tatsache, dass sie sich nicht eine spezielle Gruppe vorknöpft.

Der Ort der Handlung ist ein Vergnügungsschiff, dort finden sich von der Büromaus bis zur Führungskraft alle Mitarbeiter einer Assekuranz zur Firmenfeier ein, Motivationstrainer, laut Autorin die ›Motivationsratte‹, inklusive. Soll heißen: Alle sitzen im gleichen Boot. Alle sind in Not. Und am Ende sind alle tot. Bis auf die Ratte, versteht sich. Markus Heinzelmann hat die Tragikomödie auf das symbolträchtigste Schiff der Moderne verlegt: Auf die Titanic. Der für unsinkbar gehaltene Luxusliner steht für die Hybris des modernen Menschen. Gemeinsam mit dem Ausstatter Christoph Ernst hat Heinzelmann die Bühne des Ingolstädter Stadttheaters mit einer prächtigen Kopie der berühmten Großen Treppe komplett verstellt.

Das holzvertäfelte Ambiente atmet eine deprimierende Gediegenheit. Nach und nach fluten die Versicherungsameisen den Raum, zu sanfter Salonmusik – aufgelegt vom Käpt’n persönlich – steuert das Schiff in die Katastrophe. Was hier nicht den Zusammenstoß mit einem Eisberg meint. Sondern den Zusammenprall mit dem ganzen Seelenmüll, den die Passagiere mit sich führen, und den ein groteskes Gesellschaftsspiel, das da heißt – einer von uns beiden verliert den Job – unerbittlich hervorholt: vom Selbsthass über Beziehungsstörungen bis zum Fitnesswahn. Zu Sibylle Berg gehören Zynismus, Übertreibung und Vereinfachung dazu, wie das Amen in der Kirche.

Was die Inszenierung geschickt macht: Sie kommt nicht laut daher. Während der Luxusliner vor sich hin schippert, wird von Heinzelmann die Eskalationsschraube gemächlich und kaum wahrnehmbar angezogen. Und ehe man es sich versieht, stolpert in der einen Ecke ein Darsteller, kippt in der anderen einer das entscheidende Glas zu viel. Nur kurz wird dann mal gebrüllt, wird gerammelt und geprügelt, ehe alles wieder seinen unvermeidlichen Lauf nimmt. Zwischendurch intonieren die Darsteller immer mal wieder Celine Dions Titanic-Song ›My Heart Will Go On‹.

Das neunköpfige Ensemble spielt subtil. Es lässt die Hosen runter, aber nicht zack zack, sondern langsam, verzweifelt. Der ein oder andere Zuschauer mag sich ertappt fühlen. Am Ende gibt es langen Applaus. Aber keinen lauten, überschwänglichen, sondern einen zurückhaltenden und nachdenklichen.«

Christian Muggenthaler, Bayerische Staatszeitung – 30.01.2015
»Das Ensemble setzt dieses Verunsicherungs-Taumeln perfekt um.«

»Entfremdung durch Arbeit: ein Dauerbrennerthema auf den Bühnen. Wie auch anders? Die Arbeit und ihr Antipode, die Arbeitslosigkeit, prägen Biografien und ganze Gesellschaften. Sibylle Bergs Hauptsache Arbeit!, eine bitterböse Analyse der Gegenwart, setzt spitze, schneidende Wahrheiten übers Thema in einen ineinanderfließenden Redeschwall von Angestellten. Die Ausgangssituation: ein Firmenausflug auf einem Schiff, der Chef und ein eigens eingestellter Effektivitätsguru, die ›Motivationsratte‹, erklären die Regeln. Es wird ein Kampf um die Arbeitsplätze ausgerufen. Ein Kampf auf Leben und Tod.
Das sind so die Komödien, bei denen sich Humor in Schmerz verwandelt. (...)
Regisseur Markus Heinzelmann hat die Textflächen der Autorin seinerseits noch einmal leicht umoperiert. Er übersetzt die Selbstauskünfte der Menschen auf der Bühne, die nicht begreifen, dass Einsamkeit der Selbstsucht entspringt und Frustration falsch gewordenen Idealen, in durchaus auch mal schwankende Bewegung. Ausstatter Christoph Ernst hat ihm eine absurd realistische Bühne gebaut: einen Schiffssalon mit ausladender Treppenanlage, Clubsesseln und holzvertäfeltem Interieur, ganz so, als handelten die Figuren in einem gehobenen Boulevard-Stück der 1950er Jahre.
Und in der Tat, so ist es auch: Das Lebensideal der Mittelschicht-Leute, die Berg und Heinzelmann zeigen, ist radikal rückwärtsgewandt. Fleiß, Häuschen, Treue zur Firma bedeuten Erfüllung. Die vage Ahnung, dass rasante Veränderungen auch in der Arbeitswelt diese Vorstellungen von Behaglichkeit längst zerbröselt haben, führt in dieser Inszenierung zu einem Grundschwanken des Personals. Mal wegen des Seegangs, mal wegen des Alkoholgenusses: Der Daseinsgrund ist unsicher geworden. Das Stück zeigt diese große Verunsicherung augenfällig und kann wohl auch diese augenfällige große Wut mit erklären helfen, die derzeit in Teilen des Mittelstands zu herrschen scheint. Die schimmert in der Inszenierung permanent durch.
Das Ensemble setzt dieses Verunsicherungs-Taumeln perfekt um. Was schon allein deshalb witzig ist, weil alle im Dienste einer Versicherungsfirma tätig sind. Für atmosphärische Dichte sorgt die Musik von Christine Hasler, die sich unaufdringlich zwitschernd zwischen leicht dramatischer Filmmusik und Easy Listening tummelt. Das Ende vom Lied: Die Ratten übernehmen das Schiff. Sie haben es immer schon besser gewusst.«

Friedrich Kraft, Augsburger Allgemeine/Neuburger Rundschau – 26.01.2015
» ... Kampf ums Überleben ... «

»(…) Zu betrachten ist anschließend über 105 Minuten der Verlauf eines Betriebsausflugs. Die Versicherungsgesellschaft hat ihre Belegschaft auf eine Flussfahrt geladen. Vorgeführt werden Menschen, die ›am Morgen gerne weinen würden‹. ›Und in der Nacht, da schlafen sie vor Angst nicht ein‹. Von wegen Selbstverwirklichung im Beruf. Nur Kampf ums Überleben. Unter dem verlogenen Motto Gemeinschaftsgefühl und Firmenverbundenheit absolvieren die Angestellten ein Motivationsprogramm, zu dem auch Stromschlag-Attacken zählen. Und am Rande des Festes missbraucht der Chef reihenweise die weiblichen Beschäftigten. Zuletzt bringen die Ratten nach der Vergiftung der Bagage vor dem Leichenhaufen einen Salut aus auf die ›verrotende Welt‹.  Markus Heinzelmann hat diese merkwürdige, böse, schwarze, Komödie in Ingolstadt eingerichtet – sehr bemüht, die Absurdität des Stücks mit seinem Textwust über das Angestellten-Elend spielerisch widerzuspiegeln, aber wenig interessiert an den Regie-Empfehlungen der Autorin. (…) Die Schauspielerinnen und Schauspieler geben in diesem reichlich verrätseltem Opus ihr Bestes.(…)«

mehr Pressestimmen