Ein Mann, zwei Chefs

Komödie von Richard Bean nach Goldonis »Diener zweier Herren« Deutsch von Peter und John von Düffel • Songs von Grant Olding

Offen gesagt: Der Wahnsinn hat Methode! Der Gangsterboss Charlie Clench hat für seine Tochter ein besonderes Arrangement geplant. Sie soll mit dem Kriminellen Roscoe eine Zweckheirat eingehen. Doch der großangelegte »Deal« platzt. Denn der Bräutigam, kaum aus dem Knast entlassen, ist mausetot. Ermordet! Um die kostspielige Feier nicht absagen zu müssen, wird kurzfristig umdisponiert. Tochter Pauline darf nun doch ihren geliebten Alan heiraten. Mitten in die Verlobungsparty platzt plötzlich der Leibwächter Francis samt seinem totgeglaubten Boss, Roscoe. Jetzt wird es für den Brautvater brisant, denn alle ­geschäftlichen Vereinbarungen sind plötzlich wieder aktuell.
Während die einen dem Geld, der Liebe und dem Mörder nachrennen, verfolgt Leibwächter Francis seine eigenen Pläne. Denn Francis, der Mann mit dem unstillbaren Appetit, kann den Hals im wahrsten Sinne des Wortes nicht voll bekommen und lässt sich deshalb von gleich zwei Herren als Diener einstellen. Naturgemäß wissen beide davon nichts und so soll es auch bleiben. Es kommt wie es kommen muss: Ein Missverständnis folgt dem anderen, eine ­Ver­wirrung jagt die nächste und der Tumult ­erreicht seinen Höhepunkt als Francis beide Arbeitgeber in getrennten Räumen einer Kneipe gleichzeitig ­bedient und dazu noch obendrein seinen ­eigenen Heißhunger stillt. Als ihm ein 87-jähriger Kellner mit völlig überdrehtem Herzschritt­macher zu Hilfe eilt, ­gerät die Szene endgültig zum aberwitzigen ­Slapstick. Das Chaos nimmt seinen Lauf und die Live-Band spielt dazu …

Richard Bean gelingt eine raffinierte Adaption. Er aktualisiert Goldonis Komödie »Diener zweier Herren« aus dem 18. Jahrhundert und verlegt die Handlung nach Brighton ins Gano­venmilieu der wilden 60er Jahre. »Ein Mann, zwei Chefs« ist ein komödiantisches Feuerwerk, ­gespickt mit trockenem zynischen Humor, rasant, politisch völlig inkorrekt, absurd, unverschämt, kurz: »very british« eben.

»Das Ergebnis ist eine der witzigsten Produk­tionen in der Geschichte des National Theatre.« The Guardian

Regie: 
Knut Weber
Ausstattung: 
Julia Buckmiller, Barbara Kloos
Musikalische Leitung: 
Tobias Hofmann
Choreografie: 
Norbert Steinwarz
Dramaturgie: 
Gabriele Rebholz
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 170 Minuten, mit Pause
Christian Muggenthaler – 05.10.2014
» ... zum Brüllen saukomisch ... «

»›Ein Mann, zwei Chefs‹ ist eine Adaption des Goldoni-Klassikers ›Diener zweier Herren‹, dessen Handlung vom britischen Dramatiker Richard Bean flugs aus dem Venedig des 18. Jahrhunderts in das englische Seebad Brighton im Jahr 1963 verpflanzt. Aus den Herren und Damen werden bürgerlich gewordene Gangster, aus dem Diener Truffaldino der Hungerleider, Straßenmusiker und unfallträchtige Lebenskünstler Francis Henshall. Ansonsten bleibt sich die Geschichte gleich: Francis dient sich zwei Chefs an, von denen einer eine verkleidete Frau ist, bringt alles gehörig durcheinander, bis schließlich die richtigen Paare sich finden und binden. 

Besagter Klassiker wird hier mit den Mitteln der Boulevardkomödie verhandelt. Wenn das so klug, so witzig, ja eigentlich sogar so dermaßen zum Brüllen saukomisch gemacht wird wie in diesem Stück, dann ist des Zuschauers Gunst schon mal offen wie ein Scheunentor. Und wenn dann noch wie jetzt in Ingolstadt durch Knut Weber, seinerseits Chef des Hauses, ein so lustiger Stoff auch noch so perfekt, pointensicher, knallig und ratzigfatzig auf die Bühne gestempelt wird, dann ist Komödienabend vom Feinsten. Das beginnt schon bei der sich selbst ironisierenden, überpointierten, pseudonaturalistischen Ausstattung von der Seebadkulisse bis zur Nadelstreifenbügelfalte von Julia Buckmiller und Barbara Kloos. 

Und geht weiter bei der musikalischen Umrahmung durch die Band ›The Puhs‹ unter der musikalischen Leitung von Tobias Hofmann, die, ganz zeitgenössisch, Skiffle und Beat aus den frühen 60ern spielen, in den Umbaupausen unterstützt von Soloauftritten der Schauspieler. Und das endet bei besagten Spielern, die allesamt die klassische boulevardeske Outriertheit bemühen, immer eine Schräubchendrehung drüber sind, damit aber den atemlosen Stoff permanent am Leben und fast drei Stunden lang im darstellerischen Dauersprint die Spannung halten.

Das Personal des Stücks glänzt durch Schrulligkeit und eine gemeinsame Abneigung gegen allzu heftiges Nachdenken. Das macht die Leute liebenswert: wie da etwa Sascha Römisch als Familienoberhaupt Charlie Clench beständig rudernd um Fassung ringt; Jörn Kolpe sich als Alan Dangle, einem selbsternannten Schauspieler, wacker in Pose wirft; Sandra Schreiber als Rachel Crabbe den raumgreifenden Gesten eines Mannes überbetont nachzukommen strebt. Das sitzt alles so wie Rachels Anzug: Weber vertraut dem Humor des Textes, tunt dessen Motor, gibt den Witzen Richtung, spielt mit ihnen und den Typen wie den durch Olaf Danner meisterhaft dargestellten tattrigen Unglückskellner Alfie – und stimmt damit insgesamt das Publikum recht fröhlich.

Und als Krönung arbeitet und rackert Richard Putzinger als Francis Henshall akrobatisch, schlagfertig, überzeugend. Allein dieser Mann in dieser Rolle ist sehenswert. Und alles Drumherum sowieso.«

Friedrich Kraft, Augsburger Allgemeine/Neuburger Rundschau – 05.10.2014
» ... Mordsspaß.«

»Die Commedia dell'Arte aus dem Jahre 1746 verlegt Bean in das Gangstermilieu der englischen Stadt Brighton Anfang der sechziger Jahre. Er behält die Grundzüge des Originals bei, setzt aber alle Mittel ein, Respektlosigkeit, Klamauk und Obszönität, um ein Lachsalven-Spektakel zu kreieren. Die Verwechslungskomödie wird ins Groteske gesteigert.

Intendant Knut Weber führt Regie und erweist sich als Meister der ›leichten‹ Muse, ohne Hemmung vor der Klamotte, verwendet Slapstick-Nummern ohne Ende, Running Gags, Kalauer in Menge. Publikumsmitspiel: Eine kleine Band (musikalische Leitung Tobias Hofmann) heizt mit Songs die Stimmung an. Star des Abends ist Richard Putzinger in der exzellent gespielten Hauptrolle des Francis, also des Truffaldino, des Harlekins: unglaublich virtuos, witzig. Riesiger Beifall für den Mordsspaß.«

Dr. Isabella Kreim, Kulturkanal – 06.10.2014
» ... Gute-Laune-Rezept gegen Herbstnebel und Winterdepression ... «

»Es lebe die Komödie!  - Zumindest wenn sie so ausgefeilt, sprachwitzig und darstellerstark über die Bühne geht wie bei der Saison-Eröffnungspremiere des Stadttheaters Ingolstadt.
Der britische Autor Richard Bean hat den Commedia dell'Arte-Klassiker ›Diener zweier Herren‹ von Carlo Goldoni ins Gaunermilieu in Brighton 1963 verlegt und mit viel Wortwitz aufgefrischt.  Die Komödie heißt jetzt ›Ein Mann, zwei Chefs‹, inszeniert hat der Chef, Intendant Knut Weber.
Eine mitreißende Skiffle-Band stimmt vielleicht etwas zu lange ein auf die Sixties, aber dann bietet Knut Weber alles auf,  was die Theater- und Filmgeschichte seit Goldonis Zeiten an Komik, Comedy, Klamauk und  Slapstick hervorgebracht hat. Commedia dell'Arte meets Buster Keaton oder Monty Python.

Zu erleben sind skurrile Typen wie den bourgeoisen Gangsterboss Charlie von Sascha Römisch oder die aberwitzige Knallcharge des zittrigen Kellners Alfie, der mit seinem Turbo-Herzschrittmacher elektrisiert von Tür zu Tür knallt, auf einem rollenden Beistellwagen  über die Bühne fegt und rückwärts vom Treppenabgang hechtet: eine Glanznummer von Olaf Danner,  der  sich vielleicht den Diener James in ›Dinner for one‹ im Greisenalter vorgestellt  hat.
Reizvoll  ist auch, wie irritierend immer wieder die 4. Wand durchbrochen wird. Da werden echte Zuschauer auf die Bühne gebeten, um den schweren Koffer, an dem sich der Doppeljob-Inhaber  Francis minutenlang abgemüht hat, ins Gasthaus zu tragen und  dabei von Richard Putzinger befragt, was sie beruflich machen. (...)

Das alles ist aber nicht nur albern. Denn Carlo Goldoni hat eine hinreißend verzwickte Handlung vorgegeben,  in der alles Menschliche vorkommt. Liebesleid und Totschlag, Hunger und Geldgier, Trauer, Einsamkeit und Verzweiflung bis zum geplanten Selbstmord.
Es beginnt mit einer Verlobungsparty im Hause des wohlsituierten Gangsters Charlie. Tochter Pauline sollte eigentlich aus Geld- und Imagegründen den schwulen Gauner  Roscoe heiraten. Der wurde aber erstochen aufgefunden. Inzwischen liebt Pauline sowieso den Möchtegern-Schauspieler Alan. Da taucht unerwartet Roscoe wieder auf. Dessen Zwillingsschwester Rachel hat sich als ihr toter Bruder verkleidet, und sucht nach ihrem untergetauchten Lover Stanley, der Roscoe auf dem Gewissen hat.
Besonders verzwickt wird die Situation für die eigentliche Hauptfigur, bei Goldoni der Truffaldino,  hier  heißt er Francis, ein abgebrannter Musiker, der sich als Leibwächter des wiederauferstandenen Roscoe verdingt. Da er aber immer noch in Geldnöten ist und dringend endlich wieder etwas zu essen braucht, lässt er sich auch noch von einem zweiten Chef, Rachels Freund Stanley, anheuern. (...)
Richard Putzinger stemmt den kräftezehrenden Körpereinsatz mit bedächtiger Perfektion, ist wendig genug für Improvisationen mit dem Publikum, spielt eine hinreißende Nummer, in der er sich selbst als zweitem Diener an den Kragen geht, und zeigt sich hübsch  verlegen in der Annäherung an seine Angebetete. Katharina Solzbacher spielt diese Dolly mit Sexappeal und feministischer Spitzzüngigkeit. Und sie hat eine Prophezeiung für uns bereit - aufgenommen bei einer Probe. Bei der Premiere gingen diese Sätze im Gejohle  des Publikums fast unter.
Publikumsliebling ist sofort auch Jörn Kolpe als Möchtegern-Schauspieler, weil er sich mit so viel Verve und Eitelkeit in die Schauspielerattitüden schmeißt.
Mira Fajfer als Pauline darf Heularien absondern und verwöhntes, trotziges Kind auf Sentimentalitätsschiene spielen, Sandra Schreiber imitiert in ihrer Hosenrolle Halbstarkengetue und  Peter Polgar als ihr Lover ist gleichzeitig versnobbt und ein bisschen dämlich.
Ulrich Kielhorn und Stefan Viering versüßen mit süffisantem Understatement den britischen Humor als windiger Rechtsanwalt mit Lateinzitaten  und als Ex-Knasti mit Herz für gute Küche und nette Mädchen wie Rachel.

Die realistisch liebevollen Bühnenbilder imitieren Inszenierungsstile oder die Fernseh-Sketch-Ausstattung der 1960er Jahre. Die Ausstatterinnen Julia Buckmiller und Barbara Kloos zeigen  Bürgersalon, den Platz vor dem Gasthof mit Seepromenade und den Gastraum mit den beiden Separéetüren für die getrennt und gleichzeitig speisenden beiden Chefs.
Die Umbauten überbrückt mühelos die Skiffle-Band mit dem Musikalischen Leiter des Stadttheaters, hier Toby Wash Hoffman am Waschbrett, dem Schauspieler Peter Reisser als Sänger, Gitarrist und Trompeter und den ebenfalls auf die Sixties gestylten Musikern Chris Schultheiss und Marty Schmid. Dazu gibt es hinreißende Einlagen von Pete Rysser an einer Kesselartigen Steeldrum und von Peter Polgar an einer Hupenanlage. (...) Das Gute-Laune-Rezept gegen Herbstnebel und Winterdepression in Ingolstadt heißt also ›Ein Mann, zwei Chefs‹.«