Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor (UA)

Libretto: Martin Baltscheit / Komposition: Sandra Weckert

Kinderoper für alle ab 6 Jahren

»Wer alles weiß, kann lange leben, dachte der Fuchs. Und lebte ein langes Leben voller Abenteuer.« Aber das war ein Irrtum. Auch junge, schlaue und starke Füchse werden einmal alt. Er wurde vergesslich. Erst fand er den Weg nach Hause nicht, dann war der Fuchs auf der Jagd und vergaß das Jagen und irgendwann vergaß er, dass er ein Fuchs war. Die Gänse und Schafe verlachten ihn, da wurde er böse und wollte sie fressen – aber auch das vergaß er sofort und wünschte allen nur einen guten Tag. Endlich fanden ihn die jungen Füchse, nahmen ihn mit und heilten seine Wunden. Seinen Verstand aber heilten sie nicht – den hatte er verloren und keiner wusste genau, wo.

 

Musikalische Leitung: 
Andreas Pascal Heinzmann
Regie: 
Knut Weber
Komposition: 
Sandra Weckert
Bühne: 
Susanne Hiller
Kostüme: 
Katrin Wolfermann
Video-Animation: 
Eva Becker
Dramaturgie: 
Annabelle Köhler
Premiere am ,
Kleines Haus
Dauer: 70 Minuten
Isabella Kreim, Kulturkanal Ingolstadt – 10.03.2014
»Es gibt so viel zu entdecken, was „Menschen ab 6 Jahren“ Freude macht...«

Die Kinderoper „Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor“ im Kleinen Haus des Stadttheaters Ingolstadt begeistert mit einer wunderbaren Tiergeschichte über Altersdemenz.

Immer mehr Kinder haben eine Oma, die sich in den Wochentagen irrt und auch sonst vergesslich ist, einen Opa, der nicht mehr nach Hause findet, oder einen Nachbarn, der irgendwie komisch und verwirrt geworden ist. 1,3 Millionen alte Menschen leiden in der Bundesrepublik unter Demenz.

Aber was besagt eine solche Statistik im Vergleich zu dem Mitgefühl, das die traurig-tröstliche, aber nie sentimentale Musik der Komponistin Sandra Weckert, der abwesende, verwirrte Gesichtsausdruck und die musikalisch-textlichen Wortfindungsschwierigkeiten des Sängers Tero Hannula als altem, desorientierten Fuchs auslösen können?

Wie einfühlsam und poetisch lassen sich die in der Realität oft erschreckenden  Halluzinationen von Dementen nachvollziehen, wenn Regisseur Knut Weber schemenhaft leuchtende Tierköpfe im dunklen Wald auftauchen lässt, die der demente Fuchs zu sehen glaubt, die ihm Angst machen, abrupt den alten Jagdreflex wecken, bis er wieder vergessen hat, wie das ging mit dem Jagen und was er jetzt eigentlich wollte.

Und welch ein tröstliches Schlussbild, wenn sich die ganze Fuchsfamilie zu wunderbaren Streicherklängen liebevoll und voller Zuwendung an den alten Fuchs kuschelt.

Mit der letzten Freitag im Kleinen Haus des Stadttheaters Ingolstadt uraufgeführten Kinderoper „Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor“ des Kinderbuchautors Martin Baltscheit und der Komponistin Sandra Weckert wird das  oft so hilflos machende und verstörende Thema Alter und Demenz ins Kindersehnsuchtsreich liebenswerter Tiere übertragen und mit allen Stärken der Kunstform Musiktheater emotional bewegend, theatralisch charmant, witzig und einfühlsam erlebbar.

Mit nichts weiter als einem Streichquintett und Klavier - in Ingolstadt sind es Musiker des Georgischen Kammerorchesters Ingolstadt und Oliver Prechtl am Klavier -  und einem 5-köpfigen Sängerensemble mit dem finnischen Bariton Tero Hannula und der Sopranistin Berit Barfred Jensen, die beide  bereits in Knut Webers Inszenierung von Telemanns „Pimpinone“ in Ingolstadt waren,  und 3 weiteren jungen Sängern.

 

Autor und Illustrator Martin Baltscheit hat sein 2011 mit dem Jugendliteraturpreis ausgezeichnetes gleichnamiges Kinderbuch um weitere witzige Reime ausgeweitet, sodass die arios meckernde Ziege, der Gockel und die Hühner, die Amsel, der Hase, die Hunde, zwei verliebte Gänse und natürlich die Fuchsfamilie singend vom langen Leben des Fuchses erzählen, sich aber auch über den verwirrten alten Fuchs lustig machen können: „Ohne Grütze in der Birne lieben wir ihn seeher“.

Komponistin Sandra Weckert nimmt Anleihen an Kinderliedern wie natürlich „Fuchs, Du hast die Gans gestohlen“ und erfindet den einfachen, eingängigen Volksliedton mit harmonischem Raffinement neu, mit ohrwurmtauglich schönen Meldodien. Ein mitreißender slawischer Tanz zu einer Geburtstagsparty schlägt in eine melancholische Weise um, weil der Fuchs ein Geschenk vergessen hat und daher kein Mohrenkuchenstück erhält und irgendwann ein Geschenk hat, obwohl niemand Geburtstag hat. Die Gänse als Kirchenchor, die der Fuchs so gerne hört, singen ein gregorianisch anmutendes A-capella-Ensemble. Vertraute Töne  gibt es auch für erwachsene Kinderopernbesucher mit Erinnerungen an das Es-Dur-Vorspiel des „Rheingold“ bei einer Szene am Fluss, oder Siegmunds Flucht zu Beginn der „Walküre“, wenn die Hundemeute den Fuchs jagt. Wenn der Fuchs den Verstand verliert, überlagern sich auch die musikalischen Erinnerungsmotive schmerzhaft, mit elektronischen Verstärkungen, aber nur ein ganz klein wenig atonal.

Sandra Weckerts Vertonung spielt mit vertrautem Tonmaterial, entwickelt es weiter, und schafft mit den dezenten Mitteln eines 6-köpfigen Orchesters eine große emotionale Dichte und Direktheit.

Ja. Die Kinderoper „Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor“ ist schon auch traurig.

Aber sie bietet in der Inszenierung von Knut Weber mit seinem spielfreudigen Sängerensemble auch ein großes  sinnliches Vergnügen. Es gibt so viel zu entdecken, was „Menschen ab 6 Jahren“ Freude macht:

Die zauberhafte Ausstattung von Susanne Hiller ist eine herrliche Mischung aus lockerer Improvisation mit Holz-Obstkisten als Wänden und liebevoll-aufwändigen Details.

Eine Holzskulptur mit einem Kiosk  ist der Fuchsbau und gleichzeitig ein Baumstamm mit hölzernen Ästen und einer Aussichtsplattform mit Sitzbank als Vogelnest. Dieser Holzbaum kann sogar von innen magisch leuchten. Außerdem gibt es Projektionen von Fischen, einen Rollstuhl aus Holz, eine Möhren-Geburtstagstorte und  im Vorraum sogar einen Holz-Fuchs am Tresen und hölzerne Füchse im Außenbereich vor dem Theatereingang.

Und die zwischen menschlichen Anzügen und Tieraccessoires changierenden Kostüme von Katrin Wolfermann sind genauso zauberhaft. Kinderherzen dahinschmelzen lassen mit Sicherheit die spitznasigen, felligen Fuchsköpfe, die man eigentlich unbedingt streicheln möchte.

Aber auch die anderen Tiermasken und Kostüme,  der Pelzmantel der eitlen Ziege, die echten Federn am weißen Shirt und die langen Krallen der Hühner, („Wer an der Maniküre spart, der hat nicht lang genug gescharrt“), machen die Einfühlung in diese Tierfiguren spielerisch leicht.

Auch für die Sänger. Kristi Anna Isene, Sarah Hudarew und Tibor Brouwer haben sichtbar Vergnügen daran, sich als  eitler Gockel im Liegestuhl zu fläzen, die Köpfe wie aufgeregte Hühner hektisch zu schwenken, als hechelnde Hundemeute zu kläffen oder auch mal das Bein zu heben,  oder als verliebtes Gänsepaar schwimmend umeinander zu werben.

Und diese Sänger agieren so gar nicht opernhaft outriert, weder in der Komik noch in dramatischen Situationen.

Der finnische Bariton Tero Hannula ist ein berührender alter Fuchs.  So uneitel wie er seinen Bariton kammermusikalisch dezent führt, spielt er ergreifend minimalistisch Alter und Verwirrtheit. Gut, dass ihn Regisseur Knut Weber dabei seinen Tierkopf absetzen lässt, sodass ihm seine Mimik als Ausdrucksmittel bleibt. Er hat mit dem Verstand eben auch den Kopf verloren, und so ähnelt der alt gewordene Fuchs  mit Morgenmantel oder Decke im Rollstuhl immer mehr dem desorientierten Opa aus der Erfahrungswelt der Kinder.

Berit Barfred Jensen ist mit wunderschön klarem Sopran ein pfiffiger, wendiger junger Fuchs, ein mitfühlender Angehöriger und einfühlsamer Erzähler.

Intendant und Regisseur Knut Weber liegt es sehr am Herzen, auch Kinder von der Wirkungskraft der Kunstform Oper zu überzeugen. Er hat diese erste Kinderoper in Ingolstadt in Auftrag gegeben und auch in seine Inszenierung sichtlich viel Herzblut gesteckt.

Denn soviel theatrale  Handlung enthält das Kinderbuch nämlich gar nicht. Und so werden die Lebensweisheiten des klugen und hübschen Fuchses, wie man Hasen eine Grube gräbt oder wie man den Hunden des Jägers entkommt, humorvoll gespielt. Und die heiklen Fressszenen, wie man als Fuchs seinen Hunger mit Hasen, Hühnern oder auch mal einer Amsel stillt,werden  immer wieder charmant ins Überleben der Opfer aufgelöst. Da transportieren die Sanitäter etwa den Liegestuhl des Hahns ab, weil das Opfer sich längst aus dem Staub gemacht hat.

Die Musiker des Georgischen Kammerorchesters sind mit Fuchsöhrchen ausgestattet, braun-rot füchsisch kostümiert und spielen mit souveräner Musikalität.  Und zum Schluss dürfen auch sie sich  spielend  liebevoll und schützend um den alten, dementen Fuchs scharen.

Die Uraufführung im Kleinen Haus des Stadttheaters Ingolstadt hat überzeugend bewiesen, welche Anteilnahme Musiktheater evozieren kann.

Mit der Kinderoper „Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor“ von Martin Baltscheit und Sandra Weckert gibt es nun für alle großen und kleineren Opernhäuser eine wunderbare Alternative zu „Zauberflöte“ und „Hänsel und Gretel“, um Kinder an die Qualitäten der Kunstform Oper heranzuführen – mit  einem Thema, das aktueller nicht sein könnte und es für die nächsten Generationen bleiben wird.