Missionen der Schönheit

von Sibylle Berg

Holofernesmomente

Die Europäische Agentur für Grundrechte veröffentlichte im März dieses Jahres Zahlen, die erschreckt, aber nicht überrascht haben dürften: Ein Drittel der Frauen zwischen 15 und 74 in der Europäischen Union haben schon mindestens einmal physische und/oder sexuelle Gewalt erfahren. 97 Prozent der Täter waren Männer. Deutschland liegt in dieser weltweit größten Erhebung zur Gewalt gegen Frauen sogar über dem Durchschnitt. Wieder ein Argument dafür, dass öffentliche Sexismus-Debatten keine hysterischen Aufschreie männerhassender Jungfern sind.

Das Stadttheater nimmt das Thema am Ende der Spielzeit in sein Programm: Für das Downtown-Projekt versammelt sich fast das gesamte Frauen-Ensemble des Theaters im Medizinhistorischen Museum Ingolstadt, um den »Missionen der Schönheit« nachzugehen. Die Autorin Sibylle Berg, Verfechterin von Zynismus und Zärtlichkeit gleichermaßen, bündelt in Monologen die Geschichte der Frau, die untrennbar mit Zuschreibungen, Unterdrückung und Gewalt gekoppelt ist. Daraus ergibt sich ein starkes Konzentrat, das verdeutlicht, dass der Frau noch immer kein eigener Entwurf von Identität geglückt ist. Aus Angst vor Ohnmacht und Opferstatus schlüpfen die Figuren des Stücks immer wieder in die Rolle des Täters; sie ziehen gegen sich selbst, aber auch gegen ihre Mitmenschen zu Felde. Prostituierte, Schönheitsoperierte und Mörderinnen kommen zu Wort. Der weibliche Körper ist dabei eine Art Showreel männlicher Idealvorstellungen, der mit letzter Kraft zu fragwürdigen Gegenschlägen ausholt. Das Medizinhistorische Museum ist dafür ein überaus geeigneter Aufführungsort, dokumentiert er den menschlichen Körper doch auf beeindruckende Weise als modellierbares Material im Auftrag von Ideologien und Wissenschaft.

Regie: 
Leni Brem-Keil
Bühne: 
Luisa Rienmüller
Kostüm: 
Charlotte Labenz
Dramaturgie: 
Sophie Scherer
Premiere am ,
Deutsches Medizinhistorisches Museum
Yvonne Popek, Süddeutsche Zeitung – 10.05.2014
»Die Kulisse prägt die Stimmung«



Ingolstadt – Irgendwann macht Botox den Unterschied. Wer sich eine Behandlung leisten kann, ist gesellschaftlich oben, wer nicht, befindet sich weiter unten. Künstlich verjüngte Schönheit ist eine Frage des guten Tons und des Geldes, ein sichtbares Zeichen für alle. Mit Fragen der Schönheit beschäftigt sich, wenn auch nicht ausschließlich, Sybille Berg in ihrem Stück »Missionen der Schönheit«.

Bei der Uraufführung 2010 in Stuttgart stieß das Stück auf nicht allzu große Begeisterung. In acht Monologen lässt sie Frauen unterschiedlichen Alters und Herkunft über Männer sprechen, darüber, was diese ihnen angetan haben, und darüber, was sie sich selbst antun. Am Ingolstädter Stadttheater haben diese Diskurse am Samstag, 10. Mai, Premiere – als interessantes Theaterprojekt außerhalb des klassischen Bühnenraums. Regisseurin Leni Brem inszeniert »Missionen der Schönheit« im Medizinhistorischen Museum Ingolstadt.

An Orte außerhalb des festen Spielortes zu gehen, ist für das Ingolstädter Theater kein Novum. Das Medizinhistorische Museum wird allerdings zum ersten Mal in die Down-Town-Reihe integriert. Angelegt ist die Inszenierung als ein Spaziergang durch die zum Teil recht begrenzten Räumlichkeiten des Museums. Maximal 40 Zuschauer können sich anschließen. Jeder Monolog findet an einem anderen Platz statt. Sechs verschiedene Schauspielerinnen sprechen – auf Podesten stehend – Sibylle Bergs bittere, zynische Texte. Dabei möchte Brem keine Opfer zeigen, sondern den Humor und die Lebensbejahung herausarbeiten.

Die Regisseurin ist davon überzeugt, dass der Text im Museum besser funktioniert als auf einer klassischen Bühne. Deshalb wird die Atmosphäre der Museumsräume betont: nur wenig Requisiten und explizite Bühnenbildelemente werden verwendet. Die Kulisse prägt die Stimmung und eröffnet tatsächlich neue, auch witzige Perspektiven auf die Monologe. Wenn beispielsweise Julia Maronde als Judit aus Kinshasa von Vergewaltigung und Mord erzählt, wird sie dies im Gartensaal tun. Dem Zuschauer eröffnet sich gleichzeitig der Blick auf die Szene wie auch auf den Garten oder auf medizinische Gerätschaften wie Knochensäge und Geburtszange. Afrika scheint weit weg zu sein, die Einschnitte in den Körper scheinen es indes nicht.

Dieses Spannungsverhältnis zieht sich durch: Beim Monolog von Viktoria Voss zwischen den anatomischen Präparaten im Anatomiesaal gewinnen Formulierungen wie »biologische Masse« oder »Humankapital« eine andere Plastizität, einen inszenierten Wortwitz. Und wenn es dann ums Altern, um Schmerz und Nutzlosigkeit geht und nebenan die Präparate in ihrer ewig starren Pose stehen, wirken Verjüngungsmittel wie Botox absolut sinnentleert. Yvonne Poppek
 

Isabella Kreim, Kulturkanal – 12.05.2014
»Das ist krass, provokativ und hat den Reiz des Destruktiven«

»Da erzählt ein junges Mädchen, dass es seinem gewalttätigen Vater am liebsten beide Beine amputiert hätte - und daneben liegt in einer Vitrine Amputationsbesteck. Da wird über die weibliche Schönheit als Segen und Fluch räsoniert – und daneben stehen die schaurigen echten menschlichen Ganzkörperpräparate.  Wir sind im Deutschen Medizinhistorischen Museum Ingolstadt  und bei einer Theateraufführung mit dem Titel ›Missionen der Schönheit‹.Die auch als Kolumnistin bekannte Roman- und Theaterautorin Sybille Berg hat diese 8 Monologe geschrieben, die nun als Down-Town-Projekt von Schauspielerinnen des Stadttheaters aufgeführt werden. Merkwürdige lebendige Ausstellungsobjekte hocken oder kauern inmitten der Dauerausstellung auf grauen Museumssockeln, die Beschriftungen  mit Namen, Altersangabe und Herkunft der Figuren tragen. Alle acht Frauen heißen Judit wie die biblische Frau, die mit ihrer Schönheit den Holofernes  betört hat, um ihn dann zu enthaupten. Eine gottesfürchtige Tat, mit der sie ihr Land Israel gerettet hat. Um diese Motivkoppelung aus Schönheit und Gewalt kreisen auch die acht Frauenmonologe von Sybille Berg. Und weder Schönheit noch Hässlichkeit schützen dafür, den gewalttätigen Vater zu fesseln, zu knebeln und verhungern zu lassen, den zum Berufsalltag zurückgekehrten Mann zu ermorden, den   Ehemann oder die Söhne, die einfach nur sind wie sie sind,  zu vergiften, sich  an der Menschheitsgeschichte zu rächen oder die Aggression gegen sich selbst zu richten. Dass ist krass, provokativ und hat den Reiz des Destruktiven. Regisseurin Leni Brem macht das einzig Richtige: Sie lässt ihre Darstellerinnen auf jeweils sehr  unterschiedliche Weise die Polemik der Monologe unterlaufen. Und durch die stoische Selbstverständlichkeit, die Heiterkeit oder gar Sanftmut, mit der das Ungeheuerliches ausgesprochen wird, wirken die Texte erst wirklich verstörend. Mehr als wenn da weibliche Rache-Monster zu erleben wären. Patricia Coridun als 12jährige, die lieber ein Junge sein möchte, erzählt fast beiläufig von der depressiven Mutter, die sich selbst eingekerkert hat und von ihrer Rache am Vater. Die Mutter kommt als akustische Einblendung zu Wort. In einer Videoeinblendung erzählt Joanna Tscheinig mit fröhlicher Naivität von ihrer Karriere als ›Miss Po‹ im Pornographie-Geschäft. Teresa Trauth berichtet mit großer  Heiterkeit von ihrer Hässlichkeit, die sie  ›korrigiert‹, indem sie ihr Gesicht mit der Rasierklinge verstümmelt. Julia Marone als Vergewaltigungsopfer räsoniert zärtlich auf ihr Podest geschmiegt mit großer Sanftmut über den Preis ihrer Schönheit. Carolin Schär schwärmt von ihrem ersten Eheglück-Jahr und berichtet fast genauso Small-talk-freundlich von der  blutigen Konsequenz, ihm die Kehle durchzuschneiden, als ihr Mann wieder zum durchschnittlichen Karrieristen wird. Und Victoria Voss hockt wie ein weiblicher Mephisto vor dem Fenster zum Garten und reflektiert  mit analytischer Kühle die Menschheitsgeschichte der weiblichen Versklavung. Dann werden die Besucher in den Pflanzengarten gebeten. Die Amsel zwitschert, die Kirchenglocken läuten und Renate Knollmann bepflanzt auf dem Balkon kleine Blumentöpfe. Und in dieser friedlichen Abendidylle erzählt sie, wie sie ihrem Mann und den beiden Söhnen Gift in die Suppe getan hat – nachdem sie mal wieder über ihre Riesenturnschuhe mitten im Zimmer gestolpert ist. Sybille Bergs Monologe funktionieren ziemlich trickreich. Dem Ehemann die Kehle durchzuschneiden, weil der erste Honeymoon verflogen ist, sich selbst das Gesicht zur zerkratzen, weil man sowieso hässlich ist, ist so monströs und  klingt gleichzeitig so normal und  folgerichtig,  dass uns wohl nichts anderes übrig bleibt als uns postfeministisch zu empören, was  jahrhundertelange Versklavung unter dem Diktat von Schönheit und Frau sein zwangsläufig anrichtet. Aber dieser Ort, das Medizinhistorische Museum mit seinem  Reparaturinstrumentarium zur Intaktheit  des Körpers, relativiert Sybille Bergs monströse Rache-Phantasien. Die Exponate erzählen so viel von menschlichem Leid und den Versuchen, den kranken Körpern zu helfen, dass Sybille Bergs ›Missionen der Schönheit‹  trotz ihrer Provokationslust daneben eher blass aussehen.«