In den Alpen

Stück von Elfriede Jelinek

Die Touristen kommen, die Gletscher verschwinden. Die Natur wird domestiziert, Abhänge werden zu Pisten, Sport wird zum Event. Immer mehr müssen immer schneller auf den Berg, um dann noch schneller auch wieder hinunter zu kommen. Die Bahn fährt hoch, der Sportler fährt alleine, unter vielen anderen zu Tal.  Die Masse wird gleichgeschaltet, wenn einer bremst, fallen viele. Aber auch die Fahrt noch oben, auf die Höhe, kann zur Höllenfahrt werden. So geschehen in Kaprun. Im November 2000 verbrannten in einem Zug 155 Menschen. Außerdem starben im entgegenkommenden Zug der Zugführer und ein Tourist sowie auf dem Bahnsteig drei Personen durch Rauchvergiftung. Hierbei handelte es sich um den schlimmsten Unfall der österreichischen Nachkriegszeit. Elfriede Jelinek schreibt über das Unglück und über ihr Stück:  »In einer Gletscherbahn bricht aufgrund von Indolenz und Unfähigkeit und Gier nach Profitmaximierung (...) ein Brand aus. Es ersticken und verbrennen innerhalb kürzester Zeit Zeit 155 Menschen, die zum Schifahren aufs Kitzsteinhorn und zu dessen ›ewigem‹ Gletscherfirn aufgebrochen waren.«

Wer Jelinek kennt, wird nicht überrascht sein, dass sie den verbrannten Menschen der Tunnel­katastrophe aus dem Jahr 2000 ihre Stimme gibt und neben der Kritik an profitorientierter Nutz­barmachung der Natur auch auf die historische ­Vergangenheit der Alpenrepublik rekurriert. Denn ­Jelinek geht als Schreibende und Kritikerin immer einen Schritt weiter als andere und ist damit eine der stärksten Stimmen zeitgenössischer Literatur. Oder wie sie selbst es formuliert: »Ich bin in der Literatur die Trümmerfrau. Ich räume den ­Gefühlsdreck weg.«

Regie: 
Gustav Rueb
Bühne: 
Daniel Roskamp
Kostüme: 
Nicole Zielke
Dramaturgie: 
Donald Berkenhoff
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 130 Minuten
Kulturkanal Ingolstadt, Isabella Kreim – 02.04.2014
»...eindrucksvolle Bilder...«

»Mit einer orgiastischen Schneeschaum-Party stürzen sich die Untoten der Gletscherbahn-Brand-Katastrophe von Kaprun in ein Après-Ski-Vergnügen, das ihnen an diesem und allen weiteren Ski-Abenden versagt geblieben ist. (...) Regisseur Gustav Rueb hat dafür zu den 6 Sprechrollen einen 12-köpfigen Statisten-Chor auf die Bühne geholt. Sie sitzen auf den Stufen, stehen wieder Schlange, um eine Speichelprobe abzugeben oder an einem Kassenhäuschen am linken Bühnenrand eine Nummer zwischen 1 und 155 zu erhalten. Sie imitieren den abrupten Halt der Zugfahrt, formieren sich zu Paaren und tanzen einen marionettenhaften Slow-Motion-Totentanz oder legen sich in Reih und Glied an der Rampe in Leichensäcke.

Mit solchen Gruppenaktionen hat  Regisseur Gustav Rueb die Textflächen der Jelinek durch wirkungsvolle, makabre Bilder aufgeladen. Und mit chorischem  Sprechen  und viel chorischem Summen und Singen von Heimatliedern oder Schlagern, hervorragend ausgewählt und einstudiert von Matthias Flake, entsteht eine emotionale Grundstimmung zwischen Alpenkitsch, volksliedhafter Innigkeit und Disko-Vergnügungssucht in einem gespenstischen Horror-Szenario der Zombies. (...)

Sehr gut behauptet sich Matthias Zajgier als Bergrettungsmann und Showmaster.  Victoria Voss tritt nicht nur als vergnügungssüchtige Skitouristin aus Hamburg,  sondern auch als Elfriede Jelinek auf, die mit ironischen Selbstzweifeln ihren Umgang mit dem Katastrophenthema reflektiert.«