In der Republik des Glücks

Stück von Martin Crimp

Deutsch von Ulrike Syha

Im neuesten Theaterstück des britischen Dramatikers Martin Crimp präsentieren sich dem Zuschauer drei stilistisch äußerst verschiedene Szenarien. Zunächst wird die Geschichte einer weihnachtlichen Familienzusammenkunft mit all ihren Streitigkeiten gezeigt. Jeder verachtet hier jeden. Opa möchte eigentlich nur noch ins All fliehen und die komplette Loslösung der Familie erscheint als Glücksversprechen.


Im zweiten Teil des Abends lösen sich Rollen sowie Familienstrukturen auf. Jeder ist sich selbst der Nächste und proklamiert in Monologen seine Vorstellungen von Individualität und Selbstbestimmung. Der persönliche Weg ins Glück stellt sich als Kampf mit sich selbst und gegen jede private Schwäche dar. Es gibt für alles Optimierungsstrategien, die nur oft genug wiederholt werden müssen. Bis das Ego durchtrainiert und die Biografie gestählt ist.Und was bleibt, wenn all die Optimierungen durchlaufen, alle Freiheiten erkämpft und die Abnabelung von der eigenen Sippschaft geglückt sind, erlebt der Zuschauer im letzten Teil.

 

Martin Crimp beschreibt einen klammheimlichen Weg in den Terror, eine moderne Französische Revolution und ihre Folgen. Eine »danteske Reise aus der Familienhölle (…) in einen kalten Himmel«, lobte die Süddeutsche Zeitung und beurteilte die Londoner Uraufführung als »eine der besten Produktionen des Londoner Theaterjahres (…)«.

Regie: 
Christian von Treskow
Musik und Komposition: 
Bastian Wegner
Ausstattung: 
Sandra Linde
Dramaturgie: 
Sophie Scherer
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 160 Minuten, mit Pause
Friedrich Kraft, Augsburger Allgemeine/Neuburger Rundschau – 17.02.2014
»...sprachlich und schauspielerisch Glanzstücke.«

»Ein merkwürdiges Konstrukt, dieses Stück des 57-jährigen englischen Autors Martin Crimp, uraufgeführt vor zwei Jahren in London. Vergangenen November hatte ›In der Republik des Glücks‹ die deutschsprachige Erstaufführung in Berlin, die Kritiken waren nicht gut. Ungewöhnlich rasch folgte nun die Inszenierung am Stadttheater Ingolstadt.

(...) Es beginnt recht konventionell mit einem Familien-Weihnachtsessen. Drei Generationen sitzen an einer überdimensional breiten Tafel (Ausstattung: Sandra Linde) und fallen übereinander her. Böser britischer Humor, immerhin unterhaltsam.
Dann, nach der Pause, fünf Solo-Auftritte auf leerer Bühne, verrätselte Statements mit viel Redundanz zum Themenbereich Egomanie, Bedürfnisbefriedigung, Sex, jeweils abgeschlossen mit einem Song in englischer Sprache.
Drittens: eine Zwei-Personen-Szene. Onkel Bob und seine Geliebte Madeleine hängen, eine Regieidee, als Weltraumfahrer am Bühnenhimmel und labern Absurdes zu Beziehungsfragen.

In der Gast-Regie des Wuppertaler Schauspielintendanten Christian von Treskow gibt es allerdings famose Darsteller-Leistungen zu bewundern, allen voran Ingrid Cannonier und Pavel Fieber als Großelternpaar. Beide liefern in ihren Solo- Nummern sprachlich und schauspielerisch Glanzstücke. In den weiteren Rollen vorzüglich Denise Matthey, Simone Stahlecker, Carolin Schär, Teresa Trauth, Ralf Lichtenberg und Olaf Danner.
(...)«

Dr. Isabella Kreim, Kulturkanal – 17.02.2014
»...Offenbarungs-Trash...«

»Als drittes Theater in Deutschland nach dem Deutschen Theater Berlin und dem Thalia Hamburg  spielt das Stadttheater Ingolstadt seit Freitag Martin Crimps ›In der Republik des Glücks‹.

(...) Einen ›Unterhaltsamen Abend in drei Teilen‹ hat Martin Crimp sein erst vor 2 Jahren in London uraufgeführtes Theaterstück ›In der Republik des Glücks‹  untertitelt.

Wirklich unterhaltsam ist der Abend  nicht, eher schwierig,  auch langatmig, vor allem im zweiten Teil. Und dennoch: Hinter den ganzen Satzhülsen aus Checken und Scannen und in die Tiefe gehen wollen, den Familienprovokationen und dem Endlosschleifen-Psycho-Gequatsche der Figuren steckt eine ins Absurde verschärfte Diagnose unserer  Zeit. Die Familie zerbricht, die Vereinzelung führt zu egomanischer Nabelschau, dem Absondern von Texten wie auf Facebook oder beim Therapeuten. Und als Apokalypse droht das Glück des Vergessens, eine Gesellschaft mit kollektiver Demenz.

(...) Unterhaltsam sind immerhin viele schauspielerische Nuancen. (...) Das Stück beginnt mit einem letzten Abendmahl an schwarzem Tisch mit golden illuminiertem Weihnachtsbaum. Endzeit für Familienfeste. Die Familie als sinnstiftende, oder Geborgenheit, oder zumindest irgendeine Art von Wohlgefühl vermittelnde Gemeinschaftsform hat ausgedient. Wir erleben im ersten Teil nicht nur, wie ein Weihnachtsfest in Familienstreitereien misslingt wie bei Alan Ayckbourn oder Loriot, sondern wie Regisseur Christian von Treskow übertitelt, ›die Zerstörung einer Familie‹. Das ist immer noch partiell lustig, weil die Darsteller immer wieder kleine komödiantische Pointen setzen.

Wie Ingrid Cannonier als snobistische Oma mit vollem Mund kauend von ihren Einkäufen und Taxifahrten erzählt, Denise Matthey vulgär-gezielt ihre Provokationen setzt, Carolin Schär  schwärmerischen Mutterstolz dagegensetzt, wie sich die beiden Schwestern zoffen, sind Lichtblicke im trostlosen Familiendrama.  Dem Vater, Ralf Lichtenberg, ist schlecht vom nicht durchgegarten Truthahn oder weil eine seiner Töchter sehr früh und ohne den Vater preiszugeben schwanger geworden ist.  Die von Simone Stahlecker gespielte Mutter bricht nach lethargischer Dulderrolle unerwartet in hysterisch-strenge Disziplinierungstöne aus.  Der von Pavel Fieber mit komödiantischem Altersstarrsinn gespielte Opa beharrt auf seinen Pornoheften , die ihm seine einkaufssüchtige Frau mitbringen muss, faselt von Gefängnis und beruflichen Erfolgen und hätte sich für seinen Sohn lieber eine Astronautenkarriere gewünscht. Verschärft wird der Familienclinch, als Onkel Bob  eintrifft und im Namen seiner Freundin heftig und hasserfüllt mit allen Familienmitgliedern abrechnet. Olaf Danner spielt das großartig zwischen nettem, und was die Mädchen betrifft, übergriffigem Onkel und der Vehemenz seiner eigenen, mühsam verborgenen Wut auf diese Familie. Als seine Freundin schließlich in der Darstellung von Teresa Trauth als freundliche, aber zielstrebige Showdiva auftritt, wird klar, dass Bob wohl durchaus auch aus eigenem Antrieb mit seiner Familie abgerechnet hat, bevor beide dieses Umfeld für immer verlassen.

Der zweite Teil ist mit ›die fünf großen Freiheiten des Individuums‹ überschrieben, und das ist ziemlich sarkastisch gemeint. Es sind  Egomanen, die sich  in unerschöpflicher Bekenntnissucht um sich und ihre Psychosen  drehen: Jeder seine eigene Selbsthilfegruppe. Doch kein Therapeut, nicht einmal ein Talkmaster hört ihnen zu.  Vielleicht jemand draußen an den Bildschirmen oder im Netz? Denn jeder ist auch sein eigener Superstar, der seine Geständnisse, die keiner hören will, auch noch als Song auskotzt.
Regisseur Christian von Treskow und Dramaturgin Sophie Scherer haben sich entschieden, die strukturlose Textfläche dieses zweiten Teils einzelnen Figuren der Weihnachtsfamilie zuzuordnen, sodass 4 Monologe und ein Duett der beiden Mädchen entstehen und die Personen des ersten Teils damit zusätzliche biografische Hintergründe  erhalten können.
Die Mama erzählt, wie bereitwillig sie sich staatlichen Kontrollen z.B. der Leibesvisitation am Flughafen unterzieht und selbst ihre Kinder mit Medikamenten zu unauffälligen Bürgern trimmt. Die Oma, eine ehemalige Ärztin,  reklamiert für sich das Recht auf ein anständiges Trauma und alle erdenklichen Krankheiten. Der Vater versucht sich von seinen Kindheitserinnerungen und den Erwartungen des Vaters freizumachen, und von  den Problemen mit Katzen, Sex und hässlichen Füßen- Ralf Lichtenberg macht das mit sehr viel Witz und Selbstdarstellungsironie. Der  Opa von Pavel Fieber begehrt auf gegen den körperlichen Verfall des Alters und verkauft sich werbegerecht als Fitness-Ideal. Und die beiden Girls behaupten ihre Freiheit, selbstbestimmt zu leben, indem sie das Inventar des Elternhauses zerstören und zu einem Weltraumflug abheben könnten.

(...) Die Republik des Glücks ist vielleicht – das Vergessen, die kollektive Demenz. Da wo Bob und seine Madeleine, vielleicht nur als Vorhut für alle, angekommen sind, gibt es  nichts mehr, was an ein früheres Leben erinnern könnte. Olaf Danner spielt wunderbar wie in Hypnose das Abtauchen ins Vergessen. Teresa Trauth versucht ihn mal sanft, mal energisch zurückzuholen in eine Wirklichkeit, die auch für sie nur noch in der Imagination besteht. (...)«

Florian Welle, Süddeutsche Zeitung – 17.02.2014
»Selbstoptimierung, Schönheitsterror und Psychosen«

»Ingolstadt - Ein Theatertopos: Die Fami­lie ist die Hölle. Hier gibt es Hass, Neid, Missbrauch. Spätestens an Weihnachten geht alles in Flammen auf. Martin Crimp bedient im ersten  Akt seines Dramas ›In der Republik des Glücks‹ diesen Topos. Er ist überschrieben mit ›Zerstörung der Fa­milie‹. Ganz klassisch sind am Weihnachts­ tag drei Generationen- versammelt,  einen Augenblick später giftet man sich an. Für die endgültige Eskalation sorgt dann On­ kel Bob. Er platzt herein, redet  zunächst noch Tacheles; dann aberverliert er immer mehr den Faden, und es ist an seiner Frau Madeleine, mit einem kleinen gemeinen Lied den Schlussstrich zu ziehen: ›Ich ver­lasse euch nun, ich gehe fort.‹ Wohin, erfah­ren wir im dritten und letzten Akt. Der erste ist die Instant-Version einer Fa­milientragödie und für Martin Crimp nicht mehr als eine Fingerübung. Für Christian von Treskow, Schauspielintendant der Wuppertaler Bühnen und in Ingolstadt als Gastregisseur  engagiert,  ist  er  ebenfalls nicht viel mehr. Die Zerstörung der Familie geht ihm leicht von der Hand. Im Hinter­ grund leuchtet der Weihnachtsbaum, wäh­rend die sechsköpfige Upper-Class-Fami­ lie verloren um einen monströs  langen Tisch hockt. Schon die so erzwungene Dis­tanz nötigt die Schauspieler zu Lautstärke und Aggression. Manchen von ihnen ge­lingt das richtig gehässig (etwa Sirnone Stahlecker und Denise Matthey als Mama und Tochter Hazel), andere  haben  damit mehr Mühe (Ingrid Cannonier und Ralf Lichtenberg als Oma und Papa). Am Ende liegt Olaf Danner, der den großen Auftritt von Onkel Bob gerade noch mit einer Mi­schung aus penetranter Larmoyanz undge­ meingefährlicher  Sanftmut  gespielt  hat, am Boden; eingerollt in die rotweinge­ tränkte Tischdecke.Anschließend, und das ist das Tolle an Crimps Drama, geht es komplett anders weiter. Der zweite Akt ist nur mehr eine postdramatische Textfläche-der Dramati­ ker selbst will sie als Gedicht verstanden wissen. Hier geht es um Selbstoptimie­ rung,  Schönheitsterror  und   Psychosen, kurz um alles, was den Menschen von heu­ te aus- und belastet. Dass das Ganze nicht unerträglich schwer daherkommt, dafür sorgt Crimps ironiegesättigter britischer Humor. Wie man all die Sentenzen auf die Rollen verteilt, ist jedem Regisseur selbst überlassen.  Christian von Treskow bün­ delt sie und schickt die Familienmitgli der einzeln auf die nun leere Bühne. Jedes Solo endet mit einem Song. Die Texte hat Mar­tin Crimp vorgegen, für Ingolstadt  hat Bastian Wegner die Musik dazu kompo­niert. Lieder wie ›I never go deep‹ oder der ›Therapeutic  Song‹ sind nun richtige· Disco-Nummern mit Rums. In der Republik des GlÜcks: Der dritte,wieder gänzlich anders gelagerte Akt heißt wie das Stück. Crimp kokettiert hier ähn­lich wie Houellebecq  in  ›Elementarteil­chen‹ mit einer Art posthumaner Lebensform. Doch diese Utopie einer ›neuen Art Welt‹ ist alaskakalt.  Christian von Tres­kow verortet sie im Weltraum. Die Fami­lienhasser Madeleine (gut: Teresa Trauth) und Bob baumeln in Astronautenanzügen erdenfern von der Decke. Zwei Verlorene, die sich unter blinkenden Sternen müde ih­re Liebe gestehen. Und gegen die Einsam­ keit ansingen.«