Alice

Musical für Erwachsene von Robert Wilson, Tom Waits, Kathleen Brennan und Paul Schmidt nach Lewis Carrolls »Alice im Wunderland«

Deutsch von Wolfgang Wiens, Musik und Gesangstexte von Tom Waits und Kathleen Brennan - Text von Paul Schmidt - Regie, Design und Visual Concept der Originalproduktion von Robert Wilson

»Alice« ist ein Märchen. Ein Traum, in dem alles was wir über Raum, Zeit und Logik zu wissen glauben, außer Kraft gesetzt wird. Das kleine Mädchen Alice fällt in einen Hasenbau und plötzlich befindet sie sich in einer neuen, aufregenden und unbekannten Welt, in der nichts ist, wie es scheint: Fantastische, aber auch albtraumhafte Figuren wie die Grinsekatze, das sprechende Ei Humpty Dumpty, der Hutmacher, der Märzhase und die Herzkönigin mit ihrem Schlachtruf »Kopf ab!« begegnen dem Mädchen. Realitäten verschieben sich, aus Klein wird Groß, aus Groß wird Klein. Wörter verlieren ihren Sinn und Regeln werden verdreht. Erfahrung, Erziehung und der gesunde Menschenverstand werden ständig ad absurdum geführt. Doch Alice lässt sich nicht beirren. Sie verliert nie den Weg aus den Augen. Einen Weg, den sie überhaupt nicht kennt, aber dennoch beschreiten will. Und zum ersten Mal in ihrem Leben muss sie sich fragen: Wer bin ich? Und woher komme ich?

In der Bearbeitung von Theaterautor Robert Wilson und Musiker Tom Waits wird der Klassiker des britischen Schriftstellers Lewis Carroll zu einer Collage aus sagenhaften Bildern, melancholischer Musik und einer Reflexion über Carrolls obsessive Autorenschaft. In einer Reihe von fantastischen und melancholischen Bildern, mit Motiven und Figuren aus dem Märchen »Alice im Wunderland«, erzählt das Musical »Alice« die Geschichte der Besessenheit Lewis Carrolls für das kleine Mädchen Alice Liddell, das er häufig und in verschiedenen Kostümen fotografierte und dem er in seinem berühmten Buch schließlich ein Denkmal setzte. Charles L. Dodgson, Carrolls bürgerliche Identität, inszeniert »seine Alice« und ihre Welt für seine Kamera. »Alice is adult songs for children, or children’s songs for adults«, so Waits über seine Songs, die zart und rau zugleich die verbotenen Sehnsüchte und Träume, die Abgründe hinter der Poesie spürbar machen.

Nach »Woyzeck« in der Spielzeit 2011/2012 zeigt das Stadttheater nun eine weitere Produktion des kongenialen Duos Waits/Wilson.

Regie: 
Eduard Miler
Musikalische Leitung und Arrangements: 
Tobias Hofmann
Bühne: 
Fabian Lüdicke
Kostüme: 
Jelena Prokovic
Choreografie: 
David Williams
Dramaturgie: 
Bettina Gabler, Zanina Mircevska
Musikalische Leitung: 
Tobias Hofmann
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 130 Minuten, mit Pause
Melanie Arzenheimer, Stattzeitung.In – 25.10.2013
»... ein theatralischer Traum ...«

»Sie schreit. Schreit. Schreit. Sie sei doch nur ein kleines Mädchen. Aber das schert die Gestalten, die sie trifft,
kein bißchen. Nein, diese Alice ist nicht in einem friedlichen Wunderland gelandet und entstammt keinem lieblich colorierten Disneyfilm. Es ist ein Alptraum, in den sie geraten ist. Einer, der mit poetischen Bildern und wunderbaren
Songs aufwartet, fernab von Phantom-der-Oper Schmachtfetzen. ›Alice‹ feierte Premiere am Stadttheater in Ingolstadt. Das Weiße Kaninchen, der Hutmacher, die böse Königin, der Schwarze Ritter.... sie sind alle da. In diesem Musical.
Nur vielleicht nicht so, wie man es erwartet. ›Alice‹ vermischt die weltberühmte literarische Vorlage von Lewis Carroll
mit dem Leben des britischen Schriftstellers, der wegen seiner Fotografie-Sucht (er lichtete mit Vorliebe kleine, auch
unbekleidete Mädchen ab) nicht unumstritten ist. Seine große Liebe (?) war die kleine Alice Liddell, für die er letztendlich auch seinen Welterfolg ›Alice im Wunderland‹ geschrieben hat. Und so begegnet man auf der Bühne zunächst dem Schriftsteller, der ein kleines Mädchen fotografiert. Als aus dem Fotografen ein Weißes Kaninchen wird, verwandelt sich die Welt in einen gespenstischen Ort mit seltsamen Gestalten und noch seltsameren Begebenheiten. Alice begegnet in der Inszenierung von Eduard Miler den Boten Fisch und Frosch, der gelangweilten Gesellschaft des Hutmachers, dem weißen Schaf und vielen anderen.

Ein besonders poetischer Moment: das Aufeinandertreffen von Alice (eine Paraderolle für Denise Matthey) und dem
Rehkitz (Stefan Leonhardsberger). Beide tanzen ein gefühlvolles Pas de deux (Choreografie David Williams) bis das
Tier mit Schrecken feststellt, dass Alice ein Mensch, nein, ein Monster ist. Ein wunderbares Pas de deux der tiefen
Stimmen zaubern Thomas Schrimm als Weißer Ritter und Jan Gebauer als Schwarzer Ritter auf die Bühne. Und mit
Gastschauspieler Péter Polgár, der unter anderem einen herrlichen Humpty Dumpty gibt, ist die Riege der starken
Männerstimmen perfekt. Für einen echten Tom Waits Sound (musikalische Leitung Tobias Hofmann) braucht es solche Kerle.

Wow! ›Alice‹ ist ein theatralischer Traum - aber nichts für Träumer, die auf Disney-Glückseeligkeit stehen. Am Ende zwar keine Standing Ovations, aber lang anhaltender Applaus und etliche Bravo Rufe. Ja, und ist das nun ein Musical? Und wann ist ein Musical ein Musical? Wenn Hundertschaften fröhlicher Tänzer im Tierkostüm über die Bühne wirbeln? Klar. Aber ›Alice‹ ist auch ein Musical. Eines für Erwachsene. So steht´s in der Ankündigung: Musical für Erwachsene von Robert Wilson, Tom Waits, Kathleen Brennan und Paul Schmidt nach Lewis Carrolls ›Alice im Wunderland‹. (...)«

Dr. Isabelle Kreim, Kulturkanal – 28.10.2013
»...rätselhafte und komische, poetische Traumwelt...«

» Nach ›Woyzeck‹ hat das Stadttheater Ingolstadt ein weiteres Musical des Erfolgsteams Robert Wilson und Tom Waits in den Spielplan aufgenommen. Alice im Wunderland nach Charles Dodgson alias Lewis Carroll.

Der aus Ljubljana stammende Regisseur Eduard Miler hat mit seinen Ausstattern, der kunstvoll verfremdenden  Bewegungssprache des Choreographen David Williams und einem großartigen Ensemble, das wunderbar singt, tanzt und spielt, ein Erwachsenenmärchen auf die Bühne gebracht, das weder in Nummernrevue-Spektakel noch Disney-Niedlichkeit abdriftet. Zu sehen ist eine  rätselhafte  und komische, poetische Traumwelt, über die man mit Kinderaugen staunen kann und mit dem Erwachsenenblick die unterschwellige Verstörung zu ahnen ist.

Charles Lutwidge Dodgson, Geistlicher und Mathematiker im viktorianischen England, der sich als Schriftsteller Lewis Carroll nannte, umgab sich auffallend gerne mit kleinen Mädchen. Er machte mit ihnen Ausflüge und vor allem, er fotografierte sie in Verkleidungen oder auch nackt. Eines seiner Lieblingsmodelle waren die kleine Alice Liddell und ihre beiden Schwestern, die Töchter seines Vorgesetzten als Dekan am ehrwürdigen katholischen  Christ Church College in Oxford. Diese unterschwellige pädophile Neigung des verklemmten Junggesellen Dodgson haben Robert Wilson und Paul Schmidt zur Rahmenhandlung  für ihre Bearbeitung von Dodgson-Carrolls literarischem  Welterfolg ›Alice in wonderland‹ gemacht.

Dodgson fotografiert die kleine Alice, lockt sie dann als Kaninchen in das unterirdische Phantasieland und rettet sie dort als weißer Ritter. Und die reale Alice Liddell reflektiert als älter und alt gewordene Frau ihre heikle Beziehung zu Dodgson. Diese reale Obsession bleibt der verstörende Untergrund für die Expedition von Alice ins Land seltsamer Tiere und Menschen, deren Gesetze und Verhaltensweisen sie nicht versteht. Raum- und Zeit-Proportionen sind außer Kraft gesetzt, sie droht ihre eigene Identität zu verlieren. Die Raupe,  ein Mann ohne Unterleib, macht ihr Mut, eine Herzogin wirft ihr ein Baby zu, das sich in ein Ferkel verwandelt hat, eine verrückte Teegesellschaft grenzt sie aus, und schließlich erlebt sie den Kampf des schwarzen und des weißen Ritters und eine Art Gerichtsprozess, bei dem sie für schuldig erklärt wird für etwas, was sie nicht versteht. Und sie soll das Rätsel lösen, was Jabberwocky bedeutet. Man kann diese Reise durchs Wunderland als Entwicklungsgeschichte des Erwachsenwerdens sehen, vielleicht sogar als Metapher für die Orientierungslosigkeit des modernen Menschen in einer immer komplexer und unverständlicher  gewordenen Welt.

Was  Alice' Abenteuer mit Dodgsons erotischen Phantasien zu tun haben, oder inwieweit sich die Figur Alice von ihrem Autor emanzipiert, bleibt vage. Sowohl bei  Schmidt/Wilson wie auch  in dieser Inszenierung, die zur Verdeutlichung allerdings mit 4 Alice-Darstellerinnen arbeitet. Hannah Schieren alternierend mit Isabella Reisser spricht erstaunlich prägnant und unbefangen die gedrillten Verse ihrer viktorianischen Erziehung, Denise Matthey übernimmt im weißen Hängerkleidchen die Hauptaufgabe der Erkundung des Wunderlands: neugierig, unerschrocken, vital in der  körperlichen Umsetzung ihres Überlebenswillens.

Dieses Wunderland ist unheimlich, denn es gibt keinen Ausweg. Ausstatter Fabian Lüdicke hat schwarze oder dezent bemalte  Wände mit einer Vielzahl unterschiedlich großer Türen und sich drehende Binnenräume auf die Bühne gestellt, sodass die Raumgrenzen in ständiger Bewegung sind. Ein Irrgarten, aus dem sich kein Ausgang finden lässt und wie aus dem Nichts merkwürdige Figuren auftreten.

Dieses Wunderland hat aber auch seine komischen Seiten in der Skurrilität der Fabelwesen, der menschlichen Tiere und Pflanzen, denen die beiden Kostümbildnerinnen Jelena Prokovic und Tea Basic herrlich schräge Bildfiguren gegeben haben: Die Operndivahaften Rosen, der Hutmacher  in  Slip und Zylinder, die Pferdekopfritter, Frosch und Fisch, elegante Haselmaus und Schachkönigin, das mit dicken Wollfäden umwickelte Minikleid-Schaf von Julia Maronde, den herrlich tänzerischen Humpty Dumpty in Eiform von Peter Polgar.

Und es ist ein rätselhaftes Fantasiereich, für das Choreograph  David Williams eine wunderbare Bewegungssprache  voller Witz und Poesie erfunden hat und die so gar nichts mit gängiger Musical-Choreographie zu tun hat.  Die Vikare sind tanzende Derwische mit absurden Gestenfolgen. Williams hat für  die Vorliebe von Carroll für sprachlichen Nonsense, der durch einige Alliterationen und witzige Reime nur ansatzweise übersetzbar ist, eine bildhafte Analogie gefunden. Choreographierter Nonsense – hinreißend!

Auch die Rückerinnerung der älteren, realen  Alice macht  neben der sprachlichen Intensität von Victoria Voss durch abrupte, fast zwanghafte Bewegungsabläufe der Arme und Verbiegungen des Körpers eine verstörende Leidensgeschichte sichtbar. Und Szenenapplaus gab es für den  tänzerischen Charme, mit dem Stefan Leonhardsberger sich als scheues Reh mit Geweih der kleinen Alice nähert, und sich schließlich als Hirsch entpuppt. Und wie Peter Polgar als Humpty Dumpty mit seiner Eiform versucht, Balance zu halten und die Grenzen der Schwerkraft nach beiden Seiten auslotet, ist grandios und hoch amüsant. Und mit einer so erstklassigen Sängerdarstellerin wie Renate Knollmann, mit Jan Gebauer als Raupe Tabletop Joe oder schwarzem Ritter, mit Julia Maronde als Schaf, entstehen wunderbar skurrile Figuren.  Peter Reisser und Richard Putzinger kommen mit ihren sängerischen Fähigkeiten fast ein bisschen zu kurz. Teresa Trauth rülpst als  Schachkönigin ihre Rufe nach Hinrichtung der Alice wie ein heiserer schwarzer Rabe und trifft damit eine herrliche Mischung aus Gefährlichkeit und Komik. Der Musikalische Leiter Tobias Hofmann hat Tom Waits Musik für das  11-köpfige Orchester  so abwechslungsreich arrangiert, dass Jazzballaden, Songs, Walzer, Barmusik, oder neutöniger Soundtrack ungemein farbig, vital  und abwechslungsreich klingen. Als zutiefst einsamer, trauriger Mann nimmt Thomas Schrimm als Dodgson schließlich die Schuld auf sich und seine Gesangsstimme klingt, als stünde Tom Waits persönlich auf der Bühne.

Am Schluss sitzen alle vier Alice-Darstellerinnen auf Schaukeln. Ein nachdenkliches Kindheitsbild statt eines Musical-Finales beendet diesen Theaterabend, der durch ein großartiges Ensemble, die originelle Bildwelt, eine  außergewöhnliche  choreographische Personenführung und eine ebenso erstklassige musikalische Umsetzung begeistert: ›Alice‹ im Wunderland des Stadttheaters Ingolstadt.«

Florian Welle, Süddeutsche Zeitung – 28.10.2013
»...Traum- und Alptraumgespinst...«

»(...) Das Musical ›Alice‹, das Robert Wilson , gemeinsam mit Tom Awits, dessen Ehefrau Kathleen Brennan und dem Autor Paul Schmidt 1992 aus der Taufe hob, vermischt die zwiespältige Biografie von Dodgson mit dessem berühmtesten Buch und lässt daraus ein Traum- und Alptraumgespinst entstehen. Es geht um die Macht der Phantasie, um Obsession, unerfüllte Liebe und die Frage: Wer bin ich? Tom Waits sprach von seinen knarzenden Songs als ›Kinderlieder für Erwachsene‹. Nun hatte das Stück in der Regie des Slowenen Eduard Miler am Ingolstädter Stadttheater Premiere. Die sehr präzise spielende elfköpfige Live-Band wurde geleitet von Tobias Hofmann.

Eingangs stehen auf der Bühen ein Stuhl und eine Fotoausrüstung. Dass hier etwas nicht stimmen könnte, lässt sich nur an der Tapete erahnen. Ihre Streifen sind verzerrt, einer optischen Täuschung nicht unähnlich. Sobald Thomas Schrimm in der Rolle von Charles Dodgson mit Alice den Raum betritt, bestätigt sich die düstere Vorahnung. Er biegt das Mädchen im weißen Hemdchen und weißen Söckchen wie eine Puppe in Position. Dann Stille. Dann Dunkelheit. Dann das Schießen von Fotos. Bei jedem Bild durchzuckt Stroboskoplicht den Raum, für Sekundenbruchteile sieht man Alice, wie sie ihre Hände vors Gesicht hält, sich wehrt und windet. (...)

Die zauberhafte Denise Matthey spielt Alice. Porzellangesicht, runde Augen, kleine Statur. Dass sie singen kann, hat Matthey bewiesen, (...). Nachdem sie das berührende ›No one knows I'm gone‹ gesungen at, stolpert sie verloren durch das ›Dreamland‹. Dies besteht hier aus verglasten Wänden mit großen, kleinen und winzigen Türen, die immer wieder ver- und ineinandergeschoben werden. Fabian Lüdicke zeichnet für dieses surrealstische Spiegelkabinett verantwortlich, das all die bizarren Gestalten beheimatet, denen Alice fortan begegnen wird: etwa Cheshire Cat, dem verrückten Hutmacher und dem Ei Humpty Dumpty. Genauso phantasievoll wie die Bühne sind auch die Kostüme der Serbin Jelena Prokovic.

Thomas Schrimm ist in Ingolstadt die Stimme von Tom Waits. In der vorletzten Spielzeit führte er den ›Woyzeck‹ von Wilson/Waits zum viel beachteten Efolg. In ›Alice‹ singt er die Partie des Dodgson und die wehmütigen, streicherlastigen Balladen des Weißen Ritters. Seine Stimme ist freilich nicht so wunderbar kaputt we die von tom Waits, trotzdem packt er einen mit seinem tiefen, rauen Timbre. Gesanglich überzeugen können auch alle anderen Darsteller. Großer Jubel.«