Lebenmüssen ist eine einzige Blamage (UA)

Ein Stück über Marieluise Fleißer von Christoph Klimke

Manchmal verdreht sich das Glück in sein krasses ­Gegenteil. – Als sie als junge Schriftstellerin mit ­ihrem ersten Drama nach Berlin ging, da dachte sie, ihr Glück sei gemacht. Doch dann war sie ­umstritten, sie hat gespalten. Aber nun, so viele Jahre später, ist sie angekommen, wird in einem Atemzug genannt mit Horváth und Brecht, mit ­ihren »Söhnen« Kroetz und Sperr und Fassbinder, und manche werden schon als ihre »Enkel« ­bezeichnet, wie z.?B. Christoph Nußbaumeder.

Das Leben der Fleißer ist die Grundlage für ­Christoph Klimkes Stück; und die Männer und die ­Stationen ihres Lebens: Ingolstadt, München, ­Berlin und wieder Ingolstadt. Jener Stadt, die sie als ­Fegefeuer empfand, kann sie nicht entkommen. Ihre Sprache und ihr Schreiben haben hier ihre Wurzeln, woanders wäre sie wieder dem ­ausgesetzt, was sie einmal »die Fröste der Freiheit« nannte.

Natürlich werden die Herren Feuchtwanger, Brecht und Draws-Tychsen auftreten, aber auch die Figuren aus ihren Stücken, ihrem Roman und ihren Erzählungen. Dazu eine Zeitreise durch die Vorkriegszeit, das 3. Reich, das Wirtschaftswunder. Die Fleißerin wird entdeckt, verkannt, ­gemieden, wieder entdeckt.

Regie: 
Johann Kresnik
Musikalische Leitung: 
Deborah Wargon
Bühne: 
Marion Eiselé
Choreografie: 
Johann Kresnik, Anna Hein
Kostüme: 
Erika Landertinger
Dramaturgie: 
Donald Berkenhoff, Christoph Klimke
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 80 Minuten
Michael Schmatloch, Ingolstadt-today – 07.10.2013
»...fulminante und temporeiche Regie...«

»(...) Starke Bilder sind es, die Johann Kresnik aus dem Stück »Lebenmüssen ist eine einzige Blamage« auf die Bretter zaubert. Am Samstag hatte das Werk von Christoph Klimke im Großen Haus Premiere. Und der Applaus des Premierenpublikums war ebenso ausdauernd wie verdient ob der ideenreichen Umsetzung eines Stücks, das im Grunde wenig Neues erzählt, manche Details theatralisch überhöht und andere Fakten schlicht erfindet.

Ein Stück, dem eigentlich nur Johann Kresniks fulminante und temporeiche Regie wirklich Leben einhaucht.
Und dieses Leben hat es in sich. In holzschnittartigen Rückblenden zeichnet Klimkes »Lebenmüssen ist eine einzige Blamage« – ein Fleißer-Zitat zu Buster Keaton übrigens – markante Stationen aus dem Leben der Marieluise Fleißer, (...)
In dem eindrucksvoll realisierten Bühnenraum aus unzähligen Brecht-Porträts entwickelt Kresnik indes weniger den Kampf einer Schriftstellerin um ihre Texte, sondern den um sexuelle Freizügigkeit, die Konflikte mit Rollenklischees
und Emanzipation in einer Zeit, das Frauen hinter dem Herd zu stehen hatten. Kresnik wäre nicht Kresnik, würde er seine Protagonisten nicht halbnackt bis nackt ins Rennen schicken. Die Provinzblume Fleißer mit klösterlichem Erotik-Trauma als Kämpferin für sexuelle Selbstverwirklichung. Und der Sex steht denn auch plakativ im Mittelpunkt
der Inszenierung, animiert Kresnik zu mitunter wirklich starken, ja sogar mitreißenden Bildern bis hin zu jener depressiven Todesszene, bei der die Fleißer unter einem Stahlgitter sitzt und Pflastersteine lautstark polternd darauf herunterregnen. Das macht schon betroffen, setzt Gedanken frei, die von dem Stück eigentlich gar nicht transportiert werden.
(...) Kresniks Inszenierung zieht einen unwillkürlich in ihren Bann ob ihres atemlosen Tempos, ob der harten, bildgewaltigen Sprache seiner brutalisierten Erotik. Und der immer wieder starken Ideen. Die Fleißer in der Glasvirtine, Brechts Gänsemarsch mit seinen tippenden Miezen, die Demolierungsorgie der Brecht-Büsten. Da ist schon Einiges geboten fürs Auge.
Begeisternd natürlich auch ob der hinreißenden Leistung seiner Protagonisten. Bettina Strom als Marieluise Fleißer gibt ihrem Kampf gegen Brecht ebenso überzeugende Momente wie sie unstillbare Lebensgier, aber auch literarische
Depression eindringlich fühlbar werden lässt. Ihr „Duett“ mit ihrem tanzenden Alter-Ego gehört auch dank Anna Hein als barbusiger Tänzerin zu den stärksten Moment der Inszenierung. Kraftvoll und filigran gezeichnet auch Ingrid Cannonier als Nutte oder Nonne der Englischen Fräulein, die der sterbenden Fleißer den Himmel abspenstig macht. Und Olaf Danner als schwäbelnder Brecht sowie Enrico Spohn als völlig durchgeknallter Hellmut
Draws-Tychsen.

Was bleibt, das ist der Eindruck, einen starken Theaterabend miterlebt zu haben (...)«

Ulrich Kelber, Mittelbayersiche Zeitung – 06.10.2013
»...lebendiges, stark berührendes Theater ...«

» Wunderbar, wie intensiv sich das Ingolstädter Theater um Marieluise Fleißer kümmert. Vor zwei Jahren überraschte das Theater mit der von Christoph Nußbaumeder vorgenommenen Bühnenbearbeitung des Fleißer-Romans »Eine Zierde für den Verein«. Und jetzt am Wochenende wurde die neue Spielzeit eröffnet mit »Lebenmüssen ist eine einzige Blamage«. Regie-Star Johann Kresnik und Autor Christoph Klimke, (...), zeichnen in einer Art Revue durchaus drastisch, aber mit viel Sympathie das Schicksal dieser Frau nach, die von den Männern fast untergebuttert worden wäre, am Schluss allerdings doch noch den Triumph der literarischen Wiederentdeckung erfahren durfte. (...)

Für einen Skandal (wie ihn Kresnik vor knapp zehn Jahren mit seinem Stück über Hannelore Kohl entfachte) taugt Marieluise Fleißer heute nicht mehr. Der inzwischen 73 Jahre alte Choreograph und Regisseur mit seinem Ruf als Berserker, der es immer wieder auf Bühnenrandale anlege, setzt zwar auf starke Bilder, verzichtet jedoch weitgehend auf Provokation – (...).

(...) in einem Krankenhaus lässt Autor Christoph Klimke das Stück beginnen – im Januar 1958, als Marieluise Fleißer wenige Tage nach dem Tod ihres Mannes Bepp Haindl einen schweren Herzinfarkt erlitten hatte. Hier im Klinikbett blickt sie auf das eigene Leben zurück. Kresnik nutzt dabei seinen typischen Kunstgriff: Er lässt eine Tänzerin auftreten, die zum doppelten Ich der Dichterin wird. (...) Alle Träume und Sehnsüchte legt Tänzerin Anna Hein in ihre Bewegungen, um dann die »echte« Fleißer richtig grob aus dem Bett zu zerren und sie zurück zu schubsen in die Zeit, in der alles anfing – zurück zu den Repressionen der Regensburger Schuljahre, dann der Aufbruch nach München und die Begegnung mit Lion Feuchtwanger und Bert Brecht, die ersten Theatererfolge in den 20er Jahren, bis hin zum Wirbel in Berlin um die »Pioniere in Ingolstadt«. Dazu gibt es eine besonders eindringliche Szene: Die Dichterin, eingesperrt in einen Schneewittchensarg, wird von einer eitlen Kritikerschar bedrängt und mit vielen Schmäh- und wenigen Lobesworten bedacht – Zitate aus den damaligen Zeitungstexten.

Überhaupt setzt Autor Klimke stark auf Authentizität, bedient sich ausgiebig bei Fleißer selbst, lässt sich auf ihre Sicht der Dinge ein, zitiert aus »Fegefeuer«, »Tiefseefisch« und vielen anderen autobiographisch gefärbten Texten – selbst der Stücktitel ist einem Fleißer-Aufsatz (über Buster Keaton) entlehnt.

Und wie wird Marieluise Fleißer dann tatsächlich auf der Bühne gezeichnet? Bei Bettina Storm, die diese Rolle übernommen hat, ist sie ist nicht nur das verschreckte, geduckte Opfer. Sie steckt viel ein, hat aber auch einen gehörigen Selbstbehauptungswillen. Und die Männer, sind die ihr Verhängnis? Bert Brecht (stark karikierend gespielt von Olaf Danner) kommt in der Aufführung nicht gut weg – (...). Vollends bizarr wird es bei dem nächsten Gefährten, dem sich die Fleißer nach dem Bruch mit Brecht zuwendet und in einer masochistischen Hörigkeit verfällt: dem exaltieren Spinner Hellmuth Draws-Tychsen, den Enrico Spohn mit schriller Komik spielt.

(...) Johann Kresniks Inszenierung am Theater Ingolstadt steckt voller starker, eindringlicher Bilder. Ihm ist es gelungen, aus der Fleißer-Biographie lebendiges, stark berührendes Theater zu machen.«