Das große Heft

Stück nach dem Roman von Ágota Kristóf mit Auszügen aus dem Folgeroman »Die dritte Lüge«

Für alle ab 14 Jahren

In Kriegszeiten. – Fast ein Märchen. Ein auswechselbarer Kriegsschauplatz, eine auswechselbare alte Frau mit diversen Marotten in einem kleinen Haus auf dem Lande, und dazu zwei Kinder, Zwillinge, die von ihrer Mutter aus einer beliebigen Stadt zu diesem beliebigen Dorf geschafft wurden, um dort als Enkel der Alten abgeliefert zu werden. »Ich werde Euch zeigen, wie man lebt«, sagt die Großmutter, die alle nur »Hexe« nennen und tatsächlich passt kein Name besser. An ihren Enkeln zeigt sie keine Freude, hält sie zur Arbeit an und überlässt sie ansonsten sich selbst. »Hundesöhne« ist der Name, den sie ihnen gibt.

Schnell erfahren die Geschwister, was das für ein Leben ist, das es zu lernen gilt: ein Kampf um die Existenz, voller Misstrauen und Härte, ohne die leiseste Zuneigung. In dieser lieblosen Umgebung und in einer Gesellschaft im Kriegszustand entwickeln die Kinder Techniken der physischen Abhärtung und der emotionalen Abstumpfung. Sie üben sich in Gefühlskälte, sie betteln, stehlen und töten, weil »man es können muss«. Ihre Erlebnisse und die Ergebnisse dieser Trainingseinheiten schreiben sie auf, wobei sie sich zu klarer, analytischer Sprache zwingen. Denn: Es ist nur zu bezeichnen, was ist, nicht, was man empfindet, fantasiert, spürt. Und so fallen Worte wie »Gefühl« und »Liebe« heraus aus dem Wortschatz der Kriegskinder. Sie sind zu vage, zu ungenau. In ihren autodidaktischen Schreibstunden gibt es nur ein Merkmal dafür, ob etwas »gut« oder »nicht gut« ist: Es muss wahr sein. So entstehen Aufsätze von erschreckender Sachlichkeit und entsetzlicher Präzision. So entsteht »Das große Heft« als Zeugnis der unvorstellbaren Verrohung, der emotionalen Verelendung von Kindern, die in kriegerischen Gesellschaften aufwachsen. Irgendwo tobt immer ein Krieg, und Ágota Kristófs Roman hat keine Chancen darauf, historisch oder unaktuell zu werden.

Keine Namen, keine Ortsbezeichnungen, keine Jahreszahlen finden sich in dem Roman Ágota Kristóf, die modellhaft das System von Gewalt zeichnet und mit »Das große Heft« (1984) einen der bedeutendsten Romane der neueren Literatur und ein grandioses Antikriegsbuch geschaffen hat. Mit »Der Beweis« und »Die dritte Lüge« ist es Teil einer Romantrilogie, für die Ágota Kristóf mit vielen Preisen, unter anderem dem Gottfried-Keller-Preis, ausgezeichnet wurde.

Regie: 
Karoline Kunz
Ausstattung: 
Anja König
Dramaturgie: 
Sophie Scherer
Premiere am ,
Werkstatt/Junges Theater
Dauer: 60 Minuten
Peter Skodawessely, Neuburger Rundschau – 03.01.2013
»...aufwühlende Wirkung...«
»Seit im Spätsommer 2011 die gebürtige Schanzerin Julia Mayr die Leitung des dem Stadttheater angegliederten ›Jungen Theaters‹ übernommen hatte, fand dort behutsam ein – sehr positiver – Wandel statt: Weg von vorher allzu oft ziemlich possierlichen Kinderstücken, hin zu mitunter recht ›harten‹ Themen. Aber auch das, so die Aufgabe einer sich um den Zuschauer-›Nachwuchs‹ kümmernden Theaterleitung, hat zum Spielplan zu gehören. Gut so! Karoline Kunz’ Inszenierung ›Das große Heft‹, die in diesem Monat in der Werkstattbühne des Stadttheaters Premiere hatte, ist solch eine auf den ersten Blick etwas ›sperrige‹ Produktion. Und mit Sicherheit ist sie deshalb auf Anhieb nicht ganz leicht zugänglich für zum Beispiel 14-Jährige. Sie ist nämlich – erfreulich – eigenwillig in der formalen Umsetzung des gleichnamigen, zwischenzeitlichen Kult-Romans von Ágota Kristóf, der mit Auszügen aus deren Folgewerk ›Die dritte Lüge‹ von Kunz und Dramaturgin Sophie Scherer ergänzt wurde. Dazu passt gut die sparsam-abstrakte und surrealistisch inspirierte Bühnenausstattung von Anja König. (…) Regisseurin Karoline Kunz hatte jetzt in Ingolstadt, dabei mutig verschiedene Theaterstilmittel mixend, allzu schockierende Details der Vorlage abgemildert beziehungsweise ganz entfernt. Es ist aber gerade diese Reduktion und diese Konzentrierung, durch die der kurze Abend – Spieldauer nur 60 Minuten – imponierte. Barbara Schmick, Michael Amelung und Lukas Umlauft, die drei Akteure auf der kleinen Spielfläche der Werkstatt, ordneten sich der vorgegebenen Konzeption in den verschiedenen, von ihnen dargestellten Rollen unter und verstärkten so die aufwühlende Wirkung dieser gelungenen Inszenierung.«
Isabella Kreim, Kulturkanal – 17.12.2012
»...verstörender Theaterabend...«
»Die abgewandt auf der dunklen Bühne stehenden Schaufensterpuppen in ihren zeitlosen Kostümteilen und Militärjacken lassen nichts gutes ahnen, sondern verweisen bereits auf eine düstere Welt. Mit diesem bildhaften Grundeinfall unterstreicht Regisseurin Karoline Kunz, dass es sich bei Großmutter, Soldat, Postbote, Pfarrer, Nachbarskind oder Schneider, Vater und Mutter um märchenhafte Stellvertreterfiguren in dieser Anti-Kriegs-Parabel handelt, die die Autorin Ágota Kristóf mit deutlichen Bezügen zu den Schrecken des 2. Weltkriegs geschrieben hat. (...) Die lebensgroßen Puppen erleichtern es, mit nur drei Schauspielern zu erzählen, wie sich die beiden Kriegskinder für ihre grausame Umwelt rüsten. Einer Puppe wird der Umhang entnommen, um die gnadenlose Großmutter dazustellen, ein Arm der Pfarrer-Puppe wird herausgedreht, um den Priester unter Druck zu setzen, mit dem Riemen seiner Umhängetasche wird der Kopf der Postboten-Puppe stranguliert. Sachlich und emotionslos halten die Zwillingsbrüder ihre Taten in einem ›großen Heft‹ fest. In der Inszenierung schreiben sie dafür Schlüsselbegriffe mit Kreide auf die Betonsäulen der Werkstattbühne. Dieser Prozess der Objektivierung und Distanzierung durch das Schreiben kann theatralisch allerdings kaum nachvollzogen werden. Allenfalls die Sachlichkeit, mit der Lukas Umlauft davon erzählt, wie er bereits im Kindesalter im Krankenhaus jedes Mitgefühl sabotiert hat, gibt eine Ahnung von dieser seelischen Abstumpfung. So ist es vor allem Barbara Schmicks kühl-rationalem, eisigem Blick und Tonfall überlassen, zu erzählen, welche Anstrengung und Selbstdisziplin es erfordert, in grausamen Zeiten zu überleben, indem man sich selbst kein Mitgefühl und keinen Schmerz zugesteht. Sie vereisen in ihren Emotionen, auch als das Kriegsgeschehen ihr Dorf erreicht und Vater und Mutter vor den Augen der Zwillinge Kriegsopfer werden. Michael Amelung hat es als Springer in die meisten der Rollen am schwersten, die psychischen Deformationen deutlich zu machen. Die Assoziationen zum 2. Weltkrieg werden eindeutiger. Der Schneider verkauft den Zwillingen zwei Mäntel zum Preis von einem, weil er als verfolgte Minderheit seine Ware nicht mehr verkaufen kann. Karoline Kunz inszeniert mit den Schaufensterpuppen nun Juden-Deportation, Erschießung und die Leichenberge der Vernichtungslager. Liegt es an der visuellen Übermacht dieser Holocaust-Assoziationen und überhaupt der schrecklichen äußeren Ereignisse oder dem vordergründigen Hin- und Herschieben der Schaufensterpuppen, dass man die psychische Befindlichkeit der Zwillinge immer stärker aus den Augen verliert? Ein verstörender Theaterabend, der abrupt endet und den Wunsch hinterlässt, Ágota Kristófs Romantrilogie nachzulesen. Aber auch die Aufführung liefert Diskussionsstoff genug – für Schulklassen zum Beispiel.«