Avantgarde

Projekt mit Texten von Marieluise Fleißer und Elfriede Jelinek

»Avantgarde« ist ein Begriff aus dem Krieg. Er bezeichnet den Kopf des Heeres, jenen Truppenteil, welcher zuerst Feindbegegnung hat. Die Fleißerin entwirft Kriegsszenarien: neue Kunst gegen bürgerliche Kunst, Großstadt gegen Provinz und Männer gegen Frauen. Das ist ihr Hauptthema, der Geschlechterkrieg.

 

Die Kunst bemächtigt sich des Avantgarde-Begriffes: Zunächst die Maler, sie verlassen die abbildende Darstellung und gehen in die Abstraktion, keine Bäume, keine Hirsche, statt dessen Viereck, Kreis, Spirale. Auch die Schriftsteller suchen nach neuen Formen: Dada, Surrealismus, aber auch Neue Sachlichkeit.

Döblin schreibt den Großstadtroman »Berlin Alexanderplatz« und Marieluise Fleißer schreibt einen Gegenentwurf über die Provinz »Eine Zierde für den Verein« Aber auch in ihrer Erzählung »Avantgarde« schreibt sie neu, sachlich über die Metropole und über ihre bayrische Heimatstadt. Und ebenso sachlich schildert sie die Beziehung zwischen der jungen Cilly Ostermeier und dem neuen, angehenden Dichterstar Berlins. Hier finden wir »Avantgarde«, zwei Lebensentwürfe stoßen zusammen, es kommt zum Krieg, Täter; Opfer, Gewalt.

Auch in ihrer Erzählung »Abenteuer aus dem Englischen Garten« beschreibt die Fleißer die Missverständnisse zwischen Mann und Frau. Diese Erzählung wurde aus Begeisterung über den jungen Bert Brecht geschrieben. Aus Begeisterung über das Schreiben der Marieluise Fleißer aus Ingolstadt schrieb Elfriede Jelinek ihre Fleißer-Überschreibung: »Kein einziges Abenteuer mehr aus dem Englischen Garten«.

Diese drei Texte sind die Grundlage für »Avantgarde«, eine Projektentwicklung für Männer und Frauen, Großstädter und Landleute, für die Kunst und das Leben. Schauplatz sind drei verschiedene Ingolstädter Räume, ein Keller, eine Wiese und ein Museum.

 

Treffpunkt: Schlosskeller Ingolstadt, Eingang über Schlosslände, Theaterparkplatz (Postanschrift: 85049 Ingolstadt, Paradeplatz 4)

P.S. Da ein kleiner aber nicht geringer Fußmarsch innerhalb der Innenstadt inklusive Treppen zu absolvieren ist, sollte man recht gut zu Fuß sein.

Ausstattung: 
Beate Gölzner
Premiere am ,
Down-Town (Treffpunkt: Schlosskeller Ingolstadt)
Isabella Kreim, Kulturkanal – 29.04.2013
»...außerordentlich kurzweilig und vergnüglich...«

»Mit seinen Down-Town-Projekten verlässt das Stadttheater Ingolstadt seine Bühnen und Zuschauerräume und nimmt die Besucher mit zu theatralen Situationen in bekannten oder unbekannten Stadt-Räumen. (…)

Der Schlosskeller, in dem die Fleißer gerne saß, etwa nach Ausstellungseröffnungen des Kunstvereins, das Museum für Konkrete Kunst, in dem die Avantgarde-Kunst des 20. Jahrhunderts zu sehen ist und der Skulpturengarten davor sind die Schauplätze für das Theaterprojekt mit zwei Erzählungen von Marieluise Fleißer, Avantgarde und Abenteuer aus dem Englischen Garten und Elfriede Jelineks Paraphrase darüber  ›Kein  einziges Abenteuer mehr aus dem Englischen Garten.‹

Donald Berkenhoff und 8 Ensemblemitglieder verführen damit die Theaterbesucher zu vielen Standort- und Perspektivewechseln im realen wie im übertragenen Sinn. (…)

 

 

Anjo Czernich spricht als Bert Brecht die Passagen, mit denen die Fleißer den jungen Dichter,  seine Kunstmaximen und seine Einflussnahme auf sie  charakterisiert, hemdsärmlig überheblich – und dadurch überraschend komisch.

Eine dritte Perspektive: Victoria Voss als Marieluise Fleißer, mit großem Ernst und existentiellem Anliegen den eigenen Weg und die sprachliche Formulierung suchend.

 

 

Dies ist mehr als nur die unterhaltsame Aufbereitung eines Prosatextes durch verteilte Rollen.

Es sind unterschiedliche Erzählperspektiven, die damit auch unterschiedliche Wahrheiten ermöglichen.

Und Donald Berkenhoff geht noch einen Schritt weiter. Er lässt den Dichter  mit Regieanweisungen zum Regisseur der Lebenserzählung der Jungschriftstellerin werden. Er korrigiert sie, lässt sie durch andere Betonungen andere Haltungen und einen anderen Sinn finden und formt so ihren eigenen Blick auf sich selbst. (…)

 

 

Die Literaturwissenschaftlerin Hiltrud Häntzschel  hat in ihrem dicken Fleißerbuch  in der autobiografischen Erzählung  ›Avantgarde‹  mit skeptischen  Blick nach einer Diskrepanz zwischen Dichtung und Wahrheit gesucht.

Donald Berkenhoff führt  mit seinem  gelungenen Kunstgriff ziemlich krasser Perspektivenwechsel eine solche Fragestellung ad absurdum. Natürlich erhöhen  alle diese Lesarten, auch die gegen den Strich des Anscheins autobiografischer Authentizität gebürsteten, den Reiz dieser  Erzählung. Cilly und Marieluise sind viele. Und eine Erzählung ist kein Lebenslauf sondern auch Fiktion.

Und diese vielstimmige Auffächerung  ist außerdem  außerordentlich kurzweilig und vergnüglich. (…)

 

 

Die fünf  wunderbaren Damen Victoria Voss, Patricia Coridun, Marie Ruback, Carolin Schär und Joana Tscheinig dialogisieren den Text der Jelinek in fünf unterschiedlichen Charakteren, die mit Emphase oder intellektueller Kühle, mit naiven Zwischenrufen, schwärmerischem Idealismus oder skeptisch-nüchterner Reflexion Jelineks Umkreisen der Fleißer-Erzählung, ihre eigenen ernüchternden Erfahrungen mit dem Englischen Garten zu einem Feuerwerk gestischer Sprechakte machen. Und sie haben offensichtlich großen Spaß daran, den Text der Jelinek wie eine Opernpartitur zu lesen und ihr eine Fülle hoch emotionaler  und musikalische Facetten zu entlocken.

 

 

›Avantgard‹ ist ein Abend mit drei ganz unterschiedlichen Farben und Methoden, Prosatexte mehrstimmig aufzufächern (..)«