Die Verschwörung des Fiesco zu Genua

Ein republikanisches Trauerspiel von Friedrich Schiller

Bleierne Zeit in Genua. Wir schreiben das Jahr 1547. Die herrschende Dynastie ist erstarrt, die Alten können nicht mehr regieren, die Jungen wollen ihre Privilegien nicht gefährdet sehen. Doch gegen diese Familie, die Dorias, schwelt die Revolte. Das Volk stellt sich auf die Seite der Republikaner, doch die Dorias haben noch viele Verbündete und Spione. Es gibt eine Todesliste, bezahlte Killer, um den Aufstand zu verhindern. Zwischen den Parteien bewegt sich Fiesco. Er könnte der charismatische Führer des Aufstandes werden, man wartet geradezu darauf. Doch er kann sich nicht entscheiden. Ist die Republik die Gesellschaftsform, für die es sich zu kämpfen lohnt? Wäre es für Genua nicht besser, wenn Fiesco nach der alleinigen Macht greift? Zwischen den politischen Intrigen, den Morden und Mordversuchen, finden auch private Dramen statt. Um Fiescos Ehe steht es nicht zum Besten. Er hat sich, auch aus Machtkalkül, mit der Schwester des jungen Doria eingelassen. Seine Ehefrau sieht sich in ihrer Ehre verletzt. Und alle diese Handlungselemente stürzen sich in ein gewaltiges Finale.

Regie: 
Johanna Schall
Bühne: 
Horst Vogelgesang
Kostüme: 
Jenny Schall
Dramaturgie: 
Donald Berkenhoff
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 160 Minuten, mit Pause
Peter Skodawessely, Augsburger Allgemeine – 05.02.2013
»...grell-bunte Farce...«
»Einige Buhrufe für die Regisseurin bei der Premiere ließen erkennen: Der eine oder andere Zuschauer hatte mit der neuen Ingolstädter Version von Schillers ›Die Verschwörung des Fiesco zu Genua‹ sein Problem! Alle anderen aber waren merklich beeindruckt von Johanna Schalls gestraffter Bearbeitung dieses 1783 uraufgeführten ›republikanischen Trauerspiels‹, das jetzt im Großen Haus zur Aufführung kam. (...) Ihr ›Fiesco‹ ist als grell-bunte Farce angelegt, ohne Furcht vor Stilbrüchen, mit satirischen und burlesken, mit Commedia-dell’arte-, ja sogar mit Musical-Bestandteilen. Und das Faszinierende daran: Es funktioniert! Und zwar deshalb, weil die Regisseurin dieses auf deutschen Bühnen relativ selten gespielte Drama komplett entkernt und dessen einzelne Sequenzen, individuell bearbeitet, neu zusammenfügt. So bleibt Schillers Geschichte von politischen Ränkespielen im Genua des 16. Jahrhunderts spannend – und wird gleichzeitig zu einem Spiegelbild unserer Zeit und zu einer Variation des zeitgenössischen ›Freund, Parteifreund, Feind‹. Inklusive Nachrichten und Talkshows. (...) Sebastian Kreutz spielt ungemein viril und dominierend die titelgebende Hauptrolle; ihm steht in nichts nach Patricia Coridun als temperamentvolle Gräfinnenwitwe Julia. Denise Matthey ist eine rollenspezifisch blasse Fiesco-Ehefrau Leonore; Teresa Trauth gibt eine zwielichtige, von Johanna Schall in dieser Form eigens kreierte ›Frau Mohr‹; wieder sehr präzise agierend belebt Sascha Römisch den ernsten, nachdenklichen Republikaner Verrina.«
Isabella Kreim, Kulturkanal – 04.02.2013
»...spannende, dynamische Aufführung...«
»(...) Welche Kraft, welches Feuer und welch ernüchternde politische Klarsicht in Friedrich Schillers zweitem Theaterstück nach seinen ›Räubern‹ steckt, holt Regisseurin Johanna Schall mit ihrer präzise skelettierenden Strichfassung und einer actionreichen Inszenierung ans Bühnenlicht. Das Pathos der Sprache ist durch die Vehemenz körperlicher Aktionen ersetzt. Und da fehlt es nicht an Leidenschaft. Aber es ist nicht die Leidenschaft von edlen Helden, sondern die von politischen Selbstdarstellern, auf die ständig die Kamera der Medien gerichtet ist. Da wird getänzelt, gesungen, gerangelt und gekämpft, anstatt nur mit wohlgesetzten Worten gefochten. Anjo Czernich als jugendlicher Heißsporn rennt mehrmals kreuz und quer über die Bühne, tänzelt wie ein angeberischer Halbstarker mit hilflosen Drohgebärden – was braucht es da noch vieler Worte, um seine innere Wut darzustellen. Und gleichzeitig ist dies auch eine Ironisierung des Theaterhelden-Pathos. Das Kräftemessen zwischen Fiesco und seinem Auftragskiller ist ein gefühlt zwanzigmales sich gegenseitig auf den Boden werfen in bester Kampftrainingsmanier. Und wenn der von einem Degenhieb verwundete junge Doria sich immer wieder aufrichtet und mehr als nur die sieben Leben einer räudigen Katze zu haben scheint, und von seinem Mörder auf alle erdenkliche Weise getreten oder gegen die Wand geschlagen und schließlich erschossen wird, wird die Ambivalenz zwischen komischem Theatertod und brutalem Töten fast bis zur Unerträglichkeit ausgereizt. Nein, da stehen keine idealistischen Helden auf der Bühne. Aber hat nicht Schiller geradezu erschreckend deutlich aufgezeigt, dass keiner der Aufständischen nur hehre Ziele hat. Der eine erhofft sich vom Aufstand einen Aufschub seiner Schulden, der andere, sich leichter an Fiescos Frau heranmachen zu können, wenn Fiesco mit der Rebellion beschäftigt ist. Ulrich Kielhorn und Ralf Lichtenberg sind ein Verschwörer-Gespann mit herrlich menschlichen Schwächen. Und selbst der radikale Freiheitskämpfer Verrina verbannt seine vergewaltigte Tochter als Geisel in den Keller, um ihren Verlobten zum Mord an Gianettino Doria zu erpressen. Sascha Römisch hält die knochentrockene Ernsthaftigkeit dieses Rebellen mit großer Würde durch. Marie Ruback spielt ergreifend zurückhaltend die malträtierte Tochter, die in dieser Aufführung nicht mit ihrem Bräutigam entfliehen kann, sondern selbst ihrem Kellerdasein ein Ende bereitet. Nicht nur Fiesco ist auf einem ständigen Ego-Trip, ob er sich als Liebhaber der Schwester des jungen Doria gefällt, sich als politisch desinteressierter Lebemann tarnt, sich medienwirksam als Demagoge an das Volk wendet oder sich als cleverer Organisator der Aufstands geriert. Sebastian Kreutz zieht virtuos alle Register dieser schillernden Figur von der albern kichernden Lachnummer auf Verrinas Patriotismus bis zum eiskalt taktierenden Verschwörer und selbstgefälligen Herzog – eine Spielernatur. Aber alle der hier politisch Agierenden sind Rollenspieler in einem medialen Selbstinszenierungs-Spektakel. Und so ist es nur konsequent, dass alles, was Fiesco oder seine Mitverschwörer auf der Straße, vor Handwerkern, Bürgern oder Soldaten, also öffentlich, kundtun, hier von einer omnipräsenten Live-Kamera aufgezeichnet und auf die Theaterwände projiziert wird. Bettina Reinisch schleicht dezent mit der Kamera durchs Spiel. Olaf Danner ist der Livereporter, der vom Krisenbrennpunkt in Genua berichtet und der Moderator einer Talkrunde ›Talk am Thomasthor‹, in der Ehefrau und Geliebte ihre Rivalitäten nicht im Privatgemach, sondern medienwirksam öffentlich austragen. Schreiend und tobend lässt sich die zuvor so wunderschön überhebliche Patricia Coridun aus dem Fernsehstudio schleifen. Ein starker Abgang! Denise Matthey ist Fiescos leidgeprüfte Ehefrau, zart, stark und verzweifelt. Schwarzer, Muslim, Auftragsmörder, Verräter seines Herrn, Brandstifter: Negativer kann eine Figur kaum sein, wie die des Mohren, der Fiesco ermorden soll und gegen die bessere Bezahlung zu seinem Handlanger und Spion wird. Teresa Trauth als Frau Mohr mit russischem Akzent ist eine herrliche Erfindung zwischen Russentussi, Shakespeare-Clown und Commedia-dell''arte-Figur. Und ihr akrobatischer Einsatz ist aufopferungsvoll. Aber auch alle anderen Figuren sind genau gezeichnete Typen. Stefan Leonhardsbergers Gianettino Doria ist ein aufgeblasener Gockel, Enrico Spohn als sein Protegé ein wendiger Adeliger mit Entertainer-Qualitäten. Als Kulisse dient Bühnenbildner Horst Vogelgesang ein bemalter Prospekt einer Renaissance-Fassade, die sich zum Auftritt des alten Dogen Andrea Doria knarzend öffnet. Eine Sagengestalt wird sichtbar, der Rolf Germeroth die gebückte Haltung und die sanfte Stimme eines redlichen Greisen leiht. Keine Notlösung, sondern ebenso theatralisch kunstvoll wie politisch sind Schillers drei Schlussvarianten hintereinander inszeniert. Verdienter Beifall für eine spannende, dynamische Aufführung und ein exzellentes Ensemble. Donner und Doria! Ein paar Buhs gab es auch. Deutschlehrer, die ›ihren‹ Schiller getragen, ernsthaft und nicht so überdreht sehen wollen?«