Das Ende des Regens

Schauspiel von Andrew Bovell

1960–2039. – In Alice Springs fallen Fische vom Himmel. Das muss nichts Schlechtes heißen, vielleicht bewahrheitet sich nur eine alte Prophezeiung. Dann wäre das Ende einer Generationen überdauernden und Kontinente umspannenden Familientragödie erreicht. Ihren Anfang nahm die Geschichte 1960 in London. Und nun befinden wir uns im Jahre 2039.

 

Zwei Familien, Law und York, sind das Zentrum dieser Geschichten, in denen es um Schuld, Schweigen und Tod geht, um Schicksale, die wie ein Fluch über den Familien liegen und die massive Auswirkungen auf die nachfolgenden Generationen haben.

 

Die Geschichte ist nicht chronologisch erzählt, es gibt rück- und vorausblickende Episoden, an den verschiedensten Orten der Welt wird ein verzweigtes Geflecht emotionaler Bindungen ausgebreitet, das in der Begegnung zweier junger Menschen mitten in der australischen Wüste seinen tragischen Höhepunkt findet.

 

»Das Ende des Regens« ist eine große Familiensaga, 80 Jahre umspannt das Stück, ein Stück über Familienbande, die Einsamkeit und Sehnsucht nach Liebe in einer globalisierten Welt, die uns immer kleiner erscheint.

Regie: 
Caro Thum
Bühne: 
Wolf Gutjahr
Kostüme: 
Kristopher Kempf
Dramaturgie (als Gast): 
Bettina Weiler
Video: 
Jana Schatz
Sounddesign: 
Tobias Hofmann
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 110 Minuten
Christian Muggenthaler, Landshuter Zeitung/Straubinger Tagblatt – 17.12.2012
»Es spielt das Schicksal sich selbst«
»[…]Am Ende, wenn in Caro Thums überzeugender, präziser Inszenierung des Stücks des Australiers die Protagonisten am großen Tisch zusammensitzen und die Suppe auslöffeln, die sie sich eingebrockt haben, zeigt sich, dass zuletzt doch alle, die Braven wie die Bösen, die Starken wie die Schwachen, zusammengehören. Wir hängen alle im Schleppnetz des sozialen Miteinanders. Das Theater ist der Ort, wo dieses Schleppnetz sichtbar werden kann. Bovells Text nutzt dazu einen enorm klugen Ansatzpunkt: Er erzählt eine Episode, mit der Geschichten gern zu Ende zu gehen pflegen, von ihrem Anfang und ihrem Ende her. […] Caro Thum […] hat diesen mordsgescheiten Text nun clever eingerichtet, indem sie auf Effekthascherei und Erklärungsgefimmel verzichtet. Es ist im Gegensatz ein Höchstmaß an Normalität, das auf der Ingolstädter Bühne herrscht, von Wolf Gutjahr übersichtlich eingeteilt in ein Oben (Familie Law, Ursprung der Geschichte) und ein Unten (Familie York und der Ort, wo sich die Handlung verbreitert). Das Schicksal bellt laut genug und bedarf keiner Verstärker. So erhalten denn die Spieler allen Freiraum, ihre Figuren aus dieser Normalität hinauszuwölben und ihnen raumgreifend Gestalt zu geben. Thum kann dabei auf das souveräne Ensemble zurückgreifen, das ihr das Ingolstädter Haus bietet. Da sind, nur so als Beispiel, Victoria Voss und Ralf Lichtenberg als Gabriels Eltern, ein Paar, in das krass das Leid einbricht, als des Mannes Pädophilie ausbricht. Und es spricht für Stück und Inszenierung, dass selbst hier keine Leuchtzeiger anspringen. Es spielt das Schicksal sich selbst.«
Isabella Kreim, nachtkritik.de – 08.12.2012
»...stringent eindrucksvolle Inszenierung...«
»Angeregt von Goyas drastischem Gemälde ›Saturn verschlingt seinen Sohn‹, erzählt der Australier Andrew Bovell über vier Generationen zwischen 1959 und 2039, wie das Verschweigen der pädophilen Neigung eines Vaters das Lebensglück zweier Familien in London und Australien auffrisst. Wie im Schmetterlingseffekt zeitigen in Bovells Dramaturgie Ereignisse und Entscheidungen in weit entlegenen Zeiträumen ihre Effekte. […] Die mit Schuld getränkten Schicksalsfäden dieser modernen Atriden-Tragödie fragmentiert der Autor geschickt als Erinnerungspuzzle. Immer wieder springt die Handlung zu unterschiedlichen Generationen vor und zurück. Das ist zunächst verwirrend, zumal die beiden Mütter-Figuren mit einer älteren und einer jüngeren Darstellerin doppelt besetzt sind. Aber schließlich ist es gerade dieses Knobeln am kniffligen Generationen-Puzzle, das den Theaterabend spannend und sogar amüsant macht, wenn über Generationen hinweg Fischsuppe gegessen wird, oder der Enkel seine Wände in Australien mit derselben Begründung im Farbton ›gebrochen weiß‹ streicht wie seine Großmutter in London 70 Jahre zuvor. […] Regisseurin Caro Thum erzählt wohltuend klar, schnörkellos, unsentimental und ohne die biblische Symbolik von Fisch und Sintflut szenisch aufzuladen. Als weißer Kasten hängt die Keimzelle des Familiendramas, das Zimmer in London, im Bühnenraum. Darunter erstreckt sich die weitgehend leere (Projektions-)Fläche für eine apokalyptische Welt weiterer Schicksale. Eingeblendete Jahreszahlen helfen, die Zeitsprünge zu verstehen. Wesentliches visuelles Element ist ein im Zeitraffer vor und zurück gespieltes Video mit historischen Zeitereignissen von Obama, Lady Di oder der Schleyer-Entführung bis zu John F. Kennedy, das die individuelle Bühnengeschichte in unsere kollektive Gedächtnisarbeit einbettet. Simultan-Aktionen, etwa zwischen der jungen und der alt gewordenen Liebe von Gabriel, lassen Zeitebenen und Raumgrenzen zu Flashbacks zusammenfließen. Caro Thum entwickelt mit ihren Akteuren ein intensives Spiel, in dem noch die Darstellungen der Dementen oder der Alkoholikerin frei von Gefühlskitsch bleiben. Stark genug, wie die verwirrte Gabrielle die Asche ihrer großen Liebe wie eine wohlschmeckende Suppe löffelt. Wie ein einfühlsamer Erzähler beginnt Ulrich Kielhorn als Enkel. Manuela Brugger, zerbrechlich und eigensinnig, und Ingrid Cannonier, mit der sturen Heiterkeit der Altersdemenz, spielen berührend klar und ohne Larmoyanz die leidtragenden und schuldig gewordenen Frauen im Alter. Victoria Voss ist keine spießige, sondern eine liberal verständnisvolle Gattin eines pädophilen Experten für Naturkatastrophen, in der Darstellung von Ralf Lichtenberg ein freundlich liebenswerter Ehemann, der die eigene Naturkatastrophe seiner sexuellen Neigungen lange glaubwürdig vor sich selbst zu verharmlosen sucht. Anjo Czernich als sein Sohn geht entschieden und unglücklich seinen Weg der Wahrheitssuche. Carolin Schär als junge Gabrielle sieht ihrem doppelten Lebenstrauma gefasst ins Auge, Sascha Römisch ist ein hilflos gutherziger Ehemann, und Enrico Spohn hat als Urenkel die Aura eines futuristischen Parsifal. In dieser stringent eindrucksvollen Inszenierung von ›Das Ende des Regens‹ lenkt nichts von Andrew Bovells Mahnung ab, sich der Vergangenheit zu stellen, bevor der große Regen alle Erinnerung tilgt.«
Richard Mayr, Augsburger Allgemeine – 10.12.2012
»Verständlichkeit geht vor.«
»So spannend das Stück sich liest, weil die Handlung raffiniert wie ein Thriller gebaut ist, so widerspenstig ist es zu inszenieren. Das war letztes Jahr im Münchner Cuvilliéstheater so, das ist nun im Theater Ingolstadt nicht anders. In beiden Fällen liegt es nicht an den Regisseuren, sondern am Werk. Es geht darin weniger um die Entwicklung von Rollen als um das Erzählen einer Geschichte. Mit der Nebenfolge, dass das Theater sich in den Dienst dieses Erzählens stellen muss und dadurch wie ein inszenierter Roman wirkt. Die junge Regisseurin Caro Thum löst diese Aufgabe in Ingolstadt konsequent. Per Video führt sie die Zuschauer vor und zurück auf dem Zeitstrahl. Verständlichkeit geht vor. Auf der Bühne des Großen Hauses schwebt ein Wohn-Ess-Zimmer in der Luft, in dem das Unglück beginnt, von dem es sich fortsetzt in den Rest der kargen Bühnenwelt (Bühne: Wolf Gutjahr). Die Darsteller stellen sich wie die Regisseurin in den Dienst des Erzählens, wobei die Frauen stärkeren Eindruck hinterlassen: Victoria Voss, die im Wohnungskäfig als Elizabeth Law die Jüngere erstickt; Manuela Brugger, die sich als die ältere Elizabeth Law in Hartherzigkeit gepanzert hat und die Welt mit Rotwein auf Abstand hält. Gegenüber das andere Frauenpaar: Ingrid Cannonier als verwirrt-verbitterte Gabrielle York die Ältere, und Carolin Schär, der man ein besseres Leben als bezaubernde jüngere Gabrielle gewünscht hätte.«