Onkel Wanja

Szenen aus dem Landleben von Anton Tschechow

Sommer. – Die Besitzer eines Gutes, die sonst in der Stadt leben, kommen in die Sommerfrische. Die Städter treffen auf die Landbevölkerung. Man liest, trinkt Tee, philosophiert, macht Spaziergänge. Die Zeit scheint still zu stehen. Doch plötzlich ein Einbruch der Beschleunigung. Die Tage des Gutes scheinen gezählt. Man will verkaufen. Aber was wird aus den Menschen, die hier leben und arbeiten? Verzweiflung macht sich breit, die Handlung eskaliert. Es kommt zu einem Mordversuch, der misslingt. Onkel Wanja hat geschossen, er hat nicht getroffen, also nimmt er seine Arbeit wieder auf. So als wäre nichts geschehen, aber die Zeit hat ein Ende. »Alles wird wie früher sein«, der letzte Satz des Stückes, ist nur noch Sehnsucht nach der alten Ordnung, aber Umkehr ist unmöglich, die neue Zeit erscheint mit den Planierraupen.

 

Mit dem Arzt Astrow erscheint der erste grüne Aktivist auf der Bühne. Tschechow hat hier einen Landarzt portraitiert, der Autor war selbst praktizierender Mediziner, der für Rücksicht  auf die Umwelt plädiert, auch wenn er sich damit gegen die anbrechende Moderne stellt. Er verteidigt Russlands Wald für die kommenden Generationen. Trotz seiner Frustration über die mangelnde medizinische Versorgung hat er hier einen Lebenssinn gefunden, der ihn von den anderen, vom Leben enttäuschten Personen unterscheidet. Diese flüchten sich in Gespräche über das Leben, in die Literatur. Und sie werden zu sprechenden Maschinen, die ihnen vorgegebene Sätze wiederholen, als eigene Meinungen ausgeben und auf das Denken verzichtet haben.

»Jene, die hundert oder zweihundert Jahre nach uns leben und uns verachten werden, weil wir unser Leben so dumm und geschmacklos vertan – jene werden vielleicht ein Mittel finden, wie man glücklich wird, wir aber…« (Michail Astrow aus »Onkel Wanja«)

 

»Doch in allem ist Tschechow kein Tragiker, er schreibt mit einer Komik, die lachen macht und durch dieses Lachen den Verzweiflungsschmerz des Scheiterns vertieft.« (Georg Hensel)

Regie: 
Donald Berkenhoff
Bühne: 
Fabian Lüdicke
Kostüme: 
Andrea Fisser
Musik: 
Tobias Hofmann
Dramaturgie: 
Michael Kleinherne
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 135 Minuten, mit Pause
Florian Welle, Süddeutsche Zeitung – 15.10.2012
»Tschechow als Vorläufer des absurden Theaters«
»Ausgemergelte Zeit: Donald Berkenhoff setzt diesen Zustand zu Beginn nahezu genüsslich in Szene. Da hocken Sascha Römisch als Wanja, Ralf Lichtenberg als Arzt Astrow und Tobias Hofmann als mittelloser Gutsbesitzer Telegin eine sehr lange Weile träge herum; ächzen höchstens einmal oder schlagen eine Taste auf dem Klavier an. Im Auge des Orkans ist es ruhig - das Landgut von Wanjas verstorbener Schwester ist dieses Zentrum. Bei Berkenhoff und dem Bühnenbildner Fabian Lüdicke ist es zunächst ein bis an die Rampe vorgezogener, mit Möbeln und Gemälden vollgepferchter dunkler Salon im Gründerzeit-Stil. »Gruftstätte« wird das Landgut im Drama genannt. Man könnte es auch ein russisches Geisterhaus nennen, jedenfalls stecken die Schauspieler in der typischen weißen Kleidung jener dekadenten Jahre unmittelbar vor der Wende zum 20. Jahrhundert. Wenn sie sich denn bewegen, dann schleichend. Erst der Wodka, den Männer wie Frauen einmal in sich hineinschütten dürfen, haucht ihnen für einen Moment Leben ein. Schenkt ihnen Körperlichkeit. Das ist einleuchtend gedacht und gezimmert, malt aber trotzdem das Schreckgespenst einer langweiligen Klassiker-Inszenierung an die Wand. Aber das täuscht. Im Verlauf der Aufführung ächzt es im Kulissengebälk, schiebt sich allmählich die eine Wand nach hinten, eine andere zur Seite. Bis schließlich die Bühne leer ist, und der Zuschauer sich einem kalten Raum mit nurmehr einer Stuhlreihe gegenübersieht - Tschechow als Vorläufer des absurden Theaters. Auch die Schauspieler, allen voran Sascha Römisch sowie Ulrich Kielhorn als Professor Serebrjakov setzen jetzt bei ihrer Darstellung von Depression und Hypochondrie nicht mehr auf Realismus, sondern angesichts der Sinnlosigkeit des Lebens auf Clownerie. Donald Berkenhoffs Inszenierung, von einem starken Ensemble umgesetzt, besticht. Sie zeigt das Auseinanderbersten einer im wahrsten Sinne überholten Gesellschaft, die mit der Zeit nicht mehr mitkam. Und öffnet sodann den Blick weit ins 20. Jahrhundert, das Zeitalter der Extreme.«
Peter Skodawessely, Augsburger Allgemeine – 15.10.2012
»..sensibel, präzise, facettenreich...«
»Das von seinem Verfasser als »Komödie« bezeichnete melancholische Zwei-Stunden-Werk hatte nun im Großen Haus des Ingolstädter Stadttheaters heftig beklatschte Premiere. […] Im hintersten Russland, in einem Landgut, das eher einem Gefängnis gleicht (Bühnenbild: Fabian Lüdicke, Kostüme: Andrea Fisser), leiden alle vor sich hin: Titel-»Held« Wanja (Sascha Römisch) an der Dummheit seiner Mitmenschen und am Ausgenutztwerden, dessen Nichte Sonja (Teresa Trauth) an ihrer Hässlichkeit, die schöne Jelena (Patricia Coridun) unter der Tyrannei ihres alten und eitlen Ehemanns (Ulrich Kielhorn), der desillusionierte Arzt (Ralf Lichtenberg) an der Visionslosigkeit seiner Mitmenschen. Regisseur Donald Berkenhoff führt sie alle (und dazu noch Kathrin Becker, Karlheinz Habelt sowie Tobias Hofmann) sensibel und präzise, zeigt facettenreich die Kanten und menschlichen Risse der Bühnenfiguren auf. Mit deutlich erkennbarer Sympathie für sie und ihre innerliche Zerrissenheit führt er die verzweifelten und letztendlich doch erfolglosen Aufbäumversuche gegen selbst auferlegte Zwänge vor. «
Christian Muggenthaler, Nürnberger Nachrichten – 18.10.2012
»... rasender Stillstand...«
»Am Stadttheater Ingolstadt hat Regisseur Donald Berkenhoff nun einen besonderen Zugriff auf das Stück gefunden: Es beginnt in einer Landhausszenerie des 19. Jahrhunderts (Bühne: Fabia Lüdicke), die immer mehr verschwindet. Die Welt verfällt, die Menschen in ihr können nicht wegrennen vor ihrem Unglück, es aber zugleich nicht mehr ertragen. Es kommt zu grusligen Wodka-Exzessen. Der Rhythmus ist die Langeweile. Ein für das Publikum durchaus schwieriger Rhythmus, begreifbar bleibt die Geschichte aber durch die Einzelleistungen der Spieler. Sascha Römisch ist in der Titelrolle ein begnadeter Finsterling, dessen Liebe eher einem Überfall gleicht, Ralf Lichtenberg als dessen Gegenspieler und Rivale Astrow dagegen ist ein großer Charmeur. Ganz im Zentrum aber steht Teresa Trauth als Sonja: Sie wirkt auf der Bühne so dünnhäutig, dass man jede Verletzung deutlich spürt, die ihr das Leben zufügt, und man die große Trauer ausmessen kann, die ihr die Liebe zu Astrow verursacht. In ihr wird diese große Lebenstrauer deutlich, von der Tschechow erzählt — und zugleich der Mut, trotzdem immer weiterzumachen. Berkenhoffs Inszenierung ist geprägt von rasendem Stillstand.«
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