Nichts. Was im Leben wichtig ist

von Janne Teller; ab 14 Jahren

Bühnenfassung von Andreas Erdmann

Dänemark. – »Nichts bedeutet irgendwas, deshalb lohnt es sich nicht, irgendwas zu tun.« Mit diesen Worten schockiert Pierre seine Mitschüler. Um das Gegenteil zu beweisen, beginnt die Klasse ein seltsames Projekt. Die Schüler häufen einen »Berg aus Bedeutung« an, für den jeder einzelne schlimme Opfer bringen muss. Was zuerst mit alten Fotos beginnt, droht zu eskalieren. Nur Pierre bleibt unbeeindruckt…

 

»Nichts« verhandelt nichts Geringeres als unser aller Sehnsucht nach Bedeutung. Damit hat Janne Teller weit mehr als ein Jugendbuch verfasst. Unmittelbar und direkt schreibt Teller, wie weit Menschen zu gehen bereit sind – aus Angst vor der großen unaussprechlichen Leere. Dabei schafft sie es, elementare philosophische Fragen ungewöhnlich klar in die Geschichte zu verpacken. Und vielleicht ist das so nur in einem Jugendbuch möglich. Eine erschütternde Parabel über das Erwachsenwerden, Erziehung und Gewalt in unserer Gesellschaft.

 

»Ein brutales, ein mutiges Buch – ein literarischer Glücksfall zur rechten Zeit! Ein Tabubruch mit Tiefgang und Zukunft. ›Nichts‹ deprimiert nicht, sondern ermutigt seine Leser, ihr Leben selbst zu bestimmen. Es beschreibt eine Suche, auf die sich jeder irgendwann begibt, die aber selten so packend erzählt worden ist.« (Birgit Dankert, Die Zeit)

 

Im Jahr 2000 erschien Janne Tellers Roman »Nichts« in Dänemark, der Verlag will es aufgrund der Brisanz zunächst nicht publizieren. In den ersten zwei Jahren wurde kaum ein Exemplar verkauft, dann erhielt der Roman den Dänischen Kinderbuchpreis 2001 und fand immer mehr Leser. Lehrer, Bibliothekare und Priester wollen weiterhin verhindern, dass Kinder das Buch lesen dürfen, an den Schulen in Westnorwegen ist es bis heute nicht erlaubt. Mittlerweile ist »Nichts« in Dänemark eines der am häufigsten verwendeten Bücher in dänischen Abiturprüfungen. Der Roman wurde in 13 Sprachen übersetzt und ist 2010 auch in Deutschland erschienen.

 

Das Programmheft zum Download: Bitte hier klicken

Regie: 
Julia Mayr
Ausstattung: 
Lydia Hofmann
Dramaturgie: 
Donald Berkenhoff
Premiere am ,
Werkstatt/Junges Theater
Dauer: 60 Minuten
Isabella Kreim, Kulturkanal – 24.10.2011
»...überzeugende Präzision...«
(...) Julia Mayr, die Leiterin des Jungen Theaters, zielt in ihrer ersten Produktion nicht auf einen gefälligen Erfolg, sondern wählt einen Stoff, der auf radikale, und auch schockierende Weise die Werte-Debatte und die Sinn-Krise, auch die Gewalt-Bereitschaft einer Wohlstands-Jugend offenlegt. Janne Tellers im Jahr 2000 erschienenes Gedankenspiel »Nichts« war zunächst als für Jugendliche unzumutbare und gefährliche Schullektüre umstritten oder gar verboten und ist heute in Dänemark beliebtes Abiturthema. (...) Die Theaterfassung von Andreas Erdmann folgt dem Erzählton des Prosatexts. Und Regisseurin Julia Mayr hat die puristisch epische Erzählweise mit großer Konsequenz beibehalten. Fünf Schauspieler erzählen die Geschichte, ohne große Typisierung der einzelnen Figuren, nahezu ohne Rollenspiel. Selten und nur für wenige, genau gesetzte Momente kann man in ihren Gesichtern die Identifikation mit einer Figur oder die Emotionalität einer Situation ablesen, nur manchmal karikieren sie die sprachlichen Eigenheiten einer Mitschülerin oder eines Mitschülers oder imitieren die unheimlichen Geräusche auf dem nächtlichen Friedhof. Ansonsten wird mit präzisen Anschlüssen abwechselnd erzählt, im Sitzen, im Stehen, aber ohne größere spielerische Einfälle, nahezu ohne Requisiten. Nichts an Illustration, was die harte Stringenz der Geschichte spielerisch auflockern und verwässern könnte. Was zunächst wie die Produktion eines Hörbuchs auf der Bühne wirkt, macht Sinn, je schockierender die erzählten Details werden. Die brutale Schilderung, wie der Finger des Gitarristen dilettantisch abgesäbelt wird, lässt auch ohne Theaterblut erstarren. Denn genauso erschreckend wie die Taten ist der teilnahmslos coole Berichtton, mit dem sie davon erzählen. Ausstatterin Lydia Hofmann hat aus Umzugskartons Wände und Sitzgelegenheiten bereitgestellt, reale Elemente in einer Inszenierung, die ansonsten ganz auf die Imagination des Zuschauers setzt. Die fünf Darsteller Marie Ruback, Barbara Schmick, Olivia Wendt, Stefan Leonhardsberger und Lukas Umlauft als nihilistischer Junge, der fröhlich Pflaumenkerne spuckt, überzeugen durch die Präzision, mit der sie zwischen nüchternem Bericht, kleinen witzigen Kommentaren und Betroffenheit eine große Spannung aufbauen. Heftig, dieser Theaterabend für junge Menschen ab 14. Und mutig. Es wird nach jeder Schülervorstellung eine Diskussion geben. Denn »Nichts« stellt jenseits von Sozialpädagogen- und Politiker-Weisheiten die elementare Frage, was wichtig im Leben ist und zeigt auf, wie schnell alle hehren Werte in unmenschlichem Fanatismus missbraucht werden können. (...)
Claudia Vorndran, Neuburger Rundschau – 03.11.2011
"...die Nähe setzt zu..."
(...) Die Sprache ist nicht brutal und blutrünstig Nein, das Stück war nicht von roher Gewalt, wie so mancher Horrorfilm, den sich Jugendliche sonst so ansehen. Die Sprache war nicht brutal und blutrünstig. Aber die Nähe setzte zu. Plötzlich standen die Menschen, die so Unmenschliches vollbringen, direkt vor einem Selbst. Sie waren förmlich zum Anfassen. Pierre Anthon als Provokateur und doch genüsslich kauend im Hintergrund. Agnes, die Erzählerin der Geschichte, deren Schmerzgrenze schon bei ihren grünen Sandalen anfing, und die anderen Klassenkameraden, deren Opfer für den „Berg der Bedeutung“ in weit größere Dimensionen ging. (...) Dass die Bedeutung dieses Buches, umgesetzt von Julia Mayr, es verdient hat, auf die Bühne gebracht zu werden, zeigte ein lang anhaltender Applaus.