Tannöd

Ein Kriminalfall nach Andrea Maria Schenkel

Fassung von Maik Priebe für das Stadttheater Ingolstadt

Bayern, Hinterkaifeck. – Seit Tagen schon hört man im Dorf nichts mehr vom Tannöd-Hof – nur der kläffende Hund durchbricht die unheimliche Stille und lässt keine Ruhe; bis sechs Menschen gefunden werden, tot, im Stall, im Haus, im Bett. Mit einer Spitzhacke wurde die gesamte Familie Danner ermordet, einschließlich Magd und Kleinkind, vom Mörder fehlt jegliche Spur. Die eingeschworene Dorfgemeinschaft kennt die Familie Danner, ahnt vieles – und will trotzdem nichts wissen.

 

Andrea Maria Schenkel lässt sie genau deswegen alle zu Wort kommen in ihrem bösen Heimatroman »Tannöd«, der die private Tragödie einer Familie sachlich und unbarmherzig gesellschaftlich seziert: zwischen Erinnerungen der Dorfbewohner, Fürbittengebeten und Zeugenaussagen setzt sich sukzessive eine Wahrheit zusammen, die Tabus berührt und von zutiefst traumatischen Beziehungsgeflechten erzählt. Der Mörder, soviel wird schnell klar, ist alles andere als ein Fremder. Die Rekonstruktion der grausamen Morde legt die verstörende Atmosphäre einer ganz eigenen Welt bloß, in der bigotter Katholizismus und Verdrängung die Menschen in klaustrophobischer Bedrückung gefangenhält.

Ausstattung: 
Susanne Maier-Staufen
Dramaturgie: 
Lene Grösch
Premiere am ,
Kleines Haus
Dauer: 105 Minuten
Danijela Mitic, www.stattzeitung-plus.in – 27.11.2011
...Kombination aus Melancholie und (...) Humor...
(...) Regisseur Maik Priebe hat den Roman Tannöd zu einem "Theaterstück" umgearbeitet. Sein Stück und die Inszenierung begeisterten die Premierenbesucher. In zwei Akten schuf er eine Kombination aus Melancholie und (für manchen überraschend) auch Humor. Überzeugend auch das Ensemble (Buchrucker, Coridun, Czernich, Danner, Hofmann, Hofmann, Keeß, Maronde, Römisch): die Mitwirkenden vermittelten die melancholischen Gefühle und den tragischen Verlauf der Ereignisse nur durch Erzählen. Priebes Interpretation regte zum Nachdenken an und schuf ohne viele Requisiten (...) ein reales Bild des grausames Geschehens in den Köpfen der Besucher.
Isabella Kreim, Kulturkanal – 30.11.2011
»...hervorragend präsentierte Solonummern...«
(...) Das grandiose Bühnenbild von Susanne Maier-Staufen lässt atmosphärisch und motivisch die enge Welt aufscheinen, die das Umfeld jener sechsfachen Mordtat ausmachen könnte, die sich 1922 im Landkreis Neuburg-Schrobenhausen, auf dem Einödhof von Hinterkaifeck abgespielt hat, der im Roman von Andrea Maria Schenkel „Tannöd“ heißt. Religion und Gewalt, Isolation und Brauchtum im Bauernschrank-Format. Regisseur Maik Priebe benutzt diese Konstellation aber nicht, um die Mordgeschichte von Hinterkaifeck zu erzählen, sondern um sich in einem fast einstündigen langen Vorspiel, mit Texten und Liedern dem exotischen Volk der Bayern anzunähern. Ein bayerischer Abend mit wunderschön gesungenen Volksliedern und Jodlern, mit Tuba und Trompete, bedeutungsvoll in verlangsamtem Tempo zelebriert. Sind wir im falschen Stück? (...) Der Roman „Tannöd“ von Andrea Maria Schenkel kann die sozialpsychologische Dimension des Mythos Hinterkaifeck nur ansatzweise aufzeigen. Er bezieht seine Bestseller-Qualitäten aus der Gerichtsshow-Attraktivität einer Rekonstruktion des Tathergangs durch Zeugenaussagen. Verständlich, dass Regisseur Maik Priebe diese Gruselkrimiebene „Was geschah, wer war es und warum?“ nicht wirklich und vor allem nicht ausschließlich interessiert und ihm als Theaterabend auch zu trivial oder zu dürftig war. Bewusst die Hinterkaifeck-Sensationsgier unterlaufend, begibt er sich mit seiner „Annäherung“ auf eine Motivsuche nach assoziativen, übergeordneten Mentalitäten. So weit so interessant. Leider verzettelt er sich dabei in der unergiebigsten aller Fragenstellungen. Nämlich, was am Mord von Hinterkaifeck typisch bayerisch ist? So gerät diese Aufführung von „Tannöd“ in ihrem ersten Teil zu einem gemächlichen Bunten Abend „Bayern für Anfänger“. Zugegeben amüsante Bayernklischees werden genüsslich serviert: Es ist ein exotisches Volk, die Menschen sind Bierfässer auf zwei Beinen mit merkwürdigen geschlechtlichen Annäherungen wie Schuhplatteln. Dazu gehören außerdem: Jodler, Dirndl und Bayernhymne oder Bayerische Schimpfwörter von A-Z. Szenenapplaus gibt es für den mit idiotischer Motorik gesungenen Jodler „Hob i di“ - seliges Schwelgen und Mitsingen im Publikum beim Lied "Es muss ein Sonntag gwesen sein". Es wird schön und innig gesungen, die forsche Tubaspielerin Jutta Keeß und der Trompeter und Musikalische Leiter Tobias Hofmann sind musikalisch und in ihrem darstellerischen Understatement wunderbar , jeder der sechs Darsteller hat hervorragend präsentierte Solonummern. Dann werden die Schränke zu einer Mauer zusammengestellt und weiß gestrichen. Davor stellen sich die Darsteller in einer Reihe auf und erzählen Schenkels Roman. Doch zuerst noch ein Bach-Choral. Erwartungsvoll, bedrohlich auffordernd, oder neugierig drehen sie sich der Person zu, die nun mit ihrer Zeugenaussage dran ist. Und für einen Moment dürfen die Darsteller ein wenig in die Rolle des Mädchens, der Großmutter oder des Monteurs schlüpfen. Und auch in die des Mörders. Die komprimierte Kurzfassung der Geschichte wird quasi dokumentarisch nachgereicht. Gestaltet aber nicht gespielt. Kann der Zuschauer dabei noch mitdenken, was wir im 1. Teil als Spuren hinter dem Bajuwarischen Abend aufgesogen haben? Religiosität und Kinderreim, die Sottisen einer Klofrau aus Werner Schwabs „Präsidentinnen“, Peter Handkes Heimatekel-Text, Ernst Jandls Konsonanten-Maschinen-Gewehrsalven "Schützengraben". Der harmlose Monteur als der potentielle Täter aus dem Verbrecherkabinett, der mutmaßliche Mörder als Herr über die Zeit-Bombe, das Mädchen aus dem Schützenvereins-Kabinett, die Bäuerin, die sich verbittert über eheliche Gewalt und Missbrauch an ihrer Tochter in die Religion flüchtet? Die formalistische Trennung der beiden Teile macht es nicht leichter, solche Bezüge herzustellen. Das macht diese Aufführung von „Tannöd“ zu einem zwiespältigen Theaterabend: ein künstlerisches Ausweichmanöver. In der verständlichen Verweigerung, die Sensationslust am Fall Hinterkaifeck zu bedienen, ist diese Konzeption zumindest teilweise in die Falle getappt, sich dabei bedeutungsschwanger am bitter-süßen Bayernland-Nektar zu delektieren und sich vor der Auslotung des Mythos Hinterkaifeck zu drücken.