Angerichtet (DSE)

Stück nach dem Roman von Herman Koch, Fassung von Lene Grösch

2009 eroberte der Roman »Angerichtet« des Schauspielers und Schriftstellers Hermans Koch für viele Monate die Spitze der niederländischen Bestsellerliste. Vielfach preisgekrönt, unter anderem mit dem renommierten niederländischen Literaturpreis »NS Publiksprijs«, feirte Kochs fünftes Buch auch in Deutschland große Erfolge. Das Stadttheater Ingolstadt hat Kochs Roman für die Bühne adaptiert und zeigte »Angerichtet« bereits 2012 als deutschsprachige Erstaufführung im Großen Haus. Wegen der großen Nachfrage wird »Angerichtet« am 17. Mai 2013 in einer Adaption von Regisseur Johannes Lepper im Kleinen Haus wieder aufgenommen.

 

Zwei Ehepaare - zwei Brüder und ihre Frauen - haben sich zum Essen in einem Spitzenrestaurant verabredet. Sie sprechen über Filme und Urlaubspläne und vermeiden zunächst das eigentliche Thema: Die Zukunft ihrer Söhne Michel und Rick. Die beiden Fünfzehnjährigen haben etwas getan, was ihr Leben für immer ruinieren kann: Sie haben eine Obdachlose in einem EC-Kartenhäuschen getötet. Paul Lohmann, der Vater von Michel will das Beste für seinen Sohn. Und ist bereit, dafür weit zu gehen, sehr weit. MIt bitterer Leichtigkeit und tiefsitzendem schwarzen Humor hinterfragt Autor Herman Koch die gesellschaftlichen Moralvorstellungen der oberen Mittelschicht.

 

»›Angerichtet‹ entwickelt sich zu einem atemberaubenden Thriller, in dem niemand unschuldig ist.« (Corriere della Sera)

Regie: 
Johannes Lepper
Bühne, Video: 
Johannes Lepper
Kostüme: 
Monika Gebauer
Dramaturgie: 
Lene Grösch
Premiere am ,
Kleines Haus
Dauer: 110 Minuten
Peter Skodawessely, Augsburger Allgemeine – 30.04.2012
»...mit Rafinesse und Sprachwitz...«
»(... ) Und weil Regisseur Johannes Lepper und seinem konzentriert und präzise agierenden Ensemble die Umsetzung des in einem Luxusrestaurant spielenden Stücks so aufwühlend gelang, wird es den Premierenbesuchern mit Sicherheit noch lange „im Magen“ liegen. Gut so! Ein moderner, auf „cool“ gestylter Gourmettempel, in dem Paul und Claire sich mit Pauls Bruder Serge und dessen Frau Babette zu einem Vier-Gänge-Menü verabredet hatten, ist der Schauplatz einer turbulenten, klug mittels Rückblenden und Videoeinspielungen unterbrochenen Aussprache, die nach und nach Entsetzliches enthüllt (...) Autor Herman Koch hat in seinem Roman mit Raffinesse und Sprachwitz – und Lepper/Grösch jetzt mit ihrer Dramatisierung des Familiendramas – viel „angerichtet“: Rücksichtslos werden dabei, Yasmina Rezas oft gespieltem „Gott des Gemetzels“ nicht unähnlich, die vier Protagonisten demaskiert und nach und nach entblättert. Am Ende dann, nach zwei Stunden, viel Applaus eines nachdenklich gewordenen Premierenpublikums für die sechs Akteure auf der Bühne (Renate Knollmann, Victoria Voss, Anjo Czernich, Olaf Danner, Jan Gebauer und Ralf Lichtenberg – allesamt überzeugend und beeindruckend) sowie für Regisseur Johannes Lepper und Kostümbildnerin Monika Gebauer.
Isabella Kreim, Kulturkanal – 30.04.2012
»Noch ein Volltreffer...«
»(...) Das Stadttheater Ingolstadt hat „Angerichtet“, den Erfolgsroman von Herman Koch, als deutschsprachige Erstaufführung in einer Bühnenfassung der Stadttheater-Dramaturgin Lene Grösch auf die Große Bühne gebracht. Die letzte Premiere dieser Spielzeit im Großen Haus überzeugt wiederum mit spannendem, thematisch brisantem zeitgenössischen Theater. Lene Grösch hat für ihre Bühnenfassung klug die Erzählstruktur aus Prosaelementen, Rückblenden-Erzählungen und dialogischen Passagen beibehalten und auf einen knapp 2-stündigen, intensiven Theaterabend verdichtet. Regisseur Johannes Lepper, früherer Intendant des Theaters Oberhausen, kann die Entscheidung für das Große Haus sinnfällig machen. Ein weiter schwarzer Raum mit ansteigendem Boden, zentral ein roter Teppich, der auf den Tisch an der Rampe zuführt, ein elegant rot illuminierter Türrahmen, sanfte Barmusik. Von der Decke hängen farbige Bildtafeln, auf denen dann die durchaus nicht zimperlichen Videos der Gewalttat projiziert werden. Eine Scheinwerfer-Reihe dampft.:Eine Mischung aus Showbühne für eigensüchtige Selbstdarsteller und Endspiel-Raum. Und wie nicht anders zu erwarten, wird das gepflegte Tisch-Arrangement im Scherben-Chaos enden. Jan Gebauer als Maitre liefert eine Steilvorlage für die Fallhöhe des Stücks. Wie er bereits beim Einlass mit mokantem Grinsen den roten Teppich herunter tänzelt oder akrobatisch verspielt bäuchlings auf dem Tisch imaginäre Flecken wegputzt, lässt einen lustigen Abend erwarten. Später wird er bei der Aufnahme der Bestellung impertinent seine Wange an seine Stammgäste schmiegen oder zirzensisch mit dem Messer fuchteln. Diese ziemlich abgedrehte Komik, mit der er eine Scheibe Brot statt Flusskrebsen oder Vitello tonnato serviert, sprengt die Grenzen eines gepflegten Konversationsstücks(...) Den jugendlichen Täter spielt Anjo Czernich mit erschreckender Gelassenheit und wohlerzogen freundlicher Kälte. Während er in den Rückblende-Szenen als Kind offenbar noch zu Angst und Schrecken im Erleben der väterlichen Gewalt gegenüber einem hilflosen Ladenbesitzer oder dem Onkel fähig war. Ein großartiges Ensemble: Renate Knollmann als Frau des Politikers, die zwischen eleganter Gefasstheit und hysterischen Heulattacken ihre Hilflosigkeit auch gegenüber den Entscheidungen ihres Mannes ausdrückt. Olaf Danner verkauft seine Entscheidung zur Offenlegung der Identität der Täter-Söhne nicht als Gutmenschentum, sondern mit der pathetisch manipulativen Selbstdarstellungslust eines erfahrenen Politikers. Und das macht seine Wahrheitsliebe nicht viel weniger ekelhaft als die Vertuschungs- und Verdrängungsstrategie der anderen. Victoria Voss als Claire bleibt lange undurchschaubar: Eine verständnisvoll vermittelnde Mutter und Ehefrau, die ein liebevoll belangloses Telefonat mit ihrem Sohn simuliert. So scheint es. Bis auch sie in einer zynischen Verzweiflungstirade offenbart, dass sie kalt-berechnend vor nichts zurückschreckt. Und Ralf Lichtenberg zeigt hervorragend, dass reaktionäres Gedankengut und der Hang zum Zuschlagen keineswegs mit grobschlächtig-aggressivem Stumpfsinn daherkommen müssen. Er verführt als geistreicher Plauderer, fröhlicher Provokateur und kumpelhafter Vater zur geistigen Mittäterschaft. Noch ein Volltreffer also als letzte Premiere im Großen Haus in dieser ersten Spielzeit von Knut Weber. Dass es gelungen ist, mit „Eisenstein“, der „Winterreise“ von Elfriede Jelinek oder nun mit „Angerichtet“, aber auch an den kleineren Spielstätten zeitgenössische Dramatik sinnlich, spannend und keineswegs über die Köpfe und Bedürfnisse der Zuschauer hinweg zu etablieren, kann kein glücklicher Zufall mehr sein. Es zeigt, wie sorgfältig in der Auswahl der Stücke und Regisseure hier Theater für Ingolstadt gemacht wird. «
Sabine Roelen, intv – 30.04.2012
»...ein hochbrisantes Familiendrama...«
»(...) Die Inszenierung von Johannes Lepper greift ein topaktuelles Thema auf: Außer Kontrolle geratene, gewalttätige Jugendliche, die ohne Grund Mitmenschen attackieren - und ermorden. Über die Motive der Jugendlichen erfährt der Zuschauer wenig, dafür um so mehr über ihre gutsituierte Ursprungsfamilie. In den Hauptrollen überzeugen Ralf Lichtenberg, Victoria Voss, Olaf Danner und Renate Knollmann. „Eine glückliche Familie überlebt einen Schiffbruch“, heißt es am Ende von „Angerichtet“. Aber wie sie ihn überlebt, das ist schockierend mit anzusehen, das macht betroffen und rüttelt auf: Wir alle sind zum Hinsehen aufgefordert, wir alle sind in der Verantwortung. (...)«