Das Wintermärchen (The Winter’s Tale)

von William Shakespeare

Uraufführung der Neuübersetzung von Frank Günther

Sizilien. – Leontes, der König, hat Besuch von Polyxenes, dem König von Böhmen. Zwischen ihm und der Gattin des Gastgebers entsteht eine von Sympathie getragene Freundschaft. Doch Leontes sieht mehr dahinter. Er will seinen Gast töten, aber dieser wird gewarnt und kann fliehen. Jetzt richtet sich der Zorn des Gastgebers auf die Gattin. Er wirft sie ins Gefängnis und bezweifelt seine Vaterschaft. Die angezweifelte Tochter soll getötet werden, doch sie wird ausgesetzt und gelangt nach Böhmen. Dort wird sie von einem Schäfer aufgezogen. Sechzehn Jahre vergehen. Das Mädchen verliebt sich in einen vermeintlichen Schäfer, jedoch ist dieser ein Königsohn. Da sein Vater gegen die Verbindung mit einer einfachen Schäferin ist, fliehen die beiden. Man kommt zurück nach Sizilien und die kunstvoll geschnürten Handlungsknoten müssen sich lösen. Leontes kennt schon lange die Wahrheit, seine tot geglaubte Frau kehrt zurück und auch die jungen Liebenden heiraten mit väterlichem Segen.

 

»Das Stück beginnt mit der Härte einer Tragödie; es wendet sich krass ins Komische; es folgen Balladen in der böhmischen Idylle und es endet als Komödie dort, wo es als Tragödie begann, in Sizilien.« (Georg Hensel)

Regie: 
Johanna Schall
Bühne: 
Horst Vogelgesang
Bühne: 
Jenny Schall
Dramaturgie: 
Donald Berkenhoff
Choreografie: 
Romy Hochbaum
Musik: 
Peter Reisser
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 150 Minuten, mit Pause
Florian Welle, Süddeutsche Zeitung – 27.03.2012
»...wirklich überzeugend...«
»Die Berliner Regisseurin Johanna Schall hat am vergangenen Wochenende Shakespeares spätes Drama auf die große Bühne des Stadttheaters Ingolstadt gebracht. Ihre Inszenierung macht das Stück als Konstrukt kenntlich. Explizit gedenkt sie der Opfer, die das blindwütige Handeln des Königs fordert, die jedoch angesichts des wundersamen Happy Ends nur allzu gerne in Vergessenheit geraten. Am Ende, in der berühmten Statuen-Szene, hat die Regisseurin neben dem Standbild der Hermione noch das des Prinzen Mamillius auf die Bühne stellen lassen. Während bekanntlich die steinerne Hermione wieder zum Leben erwacht, bleibt Mamillius eine unbeseelte Figur. Bei Shakespeare ist der Prinz ja aus Sorge um die vom Vater in den Kerker geworfene Mutter gestorben. Bei Johanna Schall hat er selbst Hand an sich gelegt und sich aufgeknüpft. Das ist härter. Und stärker. Es ist dieser Ansatz, der die Inszenierung sehenswert macht. Auch die schlichte Bühne in der Art eines antiken Amphitheaters ergibt für ein Stück, das zum größten Teil auf Sizilien spielt, Sinn. Nicht zuletzt verfügt die Aufführung mit Sebastian Kreutz als Leontes über einen Schauspieler, dem die Darstellung krankhafter Eifersucht wirklich überzeugend gelingt.«
Richard Mayr, Augsburger Allgemeine – 26.03.2012
»...dynamisch, unterhaltsam und spitzigwitzig...«
»Die erste Spielzeit des neuen Ingolstädter Intendanten Knut Weber wird man wohl nicht so schnell vergessen. Sein Stadttheater hat einen Lauf. Was es auch anfasst: die Chancen, dass sich die Stücke in Gold verwandeln, sind gerade besonders hoch. Weber scheint bei der Auswahl seiner Regisseure die Glücksgöttin soufflieren; das Ensemble, zu Beginn der neuen Intendanz nur behutsam verändert, ist eingespielt und hungrig zugleich; und das Publikum nimmt an dem Bühnengeschehen mit viel Sympathie und Begeisterung Anteil. Für Außenstehende wirkt das wie ein kleines Theatermärchen. Passend also, dass nun im Großen Haus Shakespeares „Wintermärchen“ Premiere feierte; es war fast schon zu erwarten, dass es der Regisseurin Johanna Schall gelang, das Stück mit den großen Brüchen dynamisch, unterhaltsam und spitzigwitzig zu inszenieren (ohne dabei ins Bühnenblödeln abzurutschen), und dass hinterher der Applaus kaum endete. (…) Dieser Shakespeare (in der Neuübersetzung von Frank Günther, Anm. d. Red.) strotzt vor Esprit; vom Aphorismus geht es hoplladihopp über ins Zotige. (…) Auf einer grauen Treppe, die ins Nirgendwo führt (Bühne: Horst Vogelsang), nehmen die Schauspieler Platz. Auf dem Hosenboden hält es sie aber nie lange. Dem sprunghaften Stück begegnet Johanna Schall mit großen Gesten und viel Bewegung. Simultan wird ans Kinn gegriffen, simultan werden Jacken geöffnet und Beine übereinandergeschlagen. Und wenn getanzt wird, folgt alles ausgeklügeltem Plan (Choreografie: Romy Hochbaum). Johanna Schall versucht, dem »Wintermärchen« nicht mit Psychologie beizukommen – da Shakespeare doch selbst auf eine psychologische Figurenführung verzichtet hat. Sie führt vor, was Theater auch sein kann: ein Fest für die Sinne, zu dem die Kostüme ihrer Schwester Jenny Schall genauso beitragen wie das präzise Bewegungsspiel des Ensembles. Und inmitten von allem gibt Sebastian Kreutz als Leontes ein flatterhaftes Königsnervenbündel, bis ihn die Tragödie einholt. Er sucht nicht nach einer inneren Erklärung für die Eifersucht aus dem Nichts. Wenn eine Stadttheaterpremiere so ausschaut, mutet die Diskussion um den Kulturstandort Deutschland bizarr an. Den Häusern, wo es nicht so gut läuft, kann der Rat gegeben werden: nach Ingolstadt fahren, um sich von der Glücksgöttin soufflieren zu lassen, solange sie diese Dependance unterhält.«
Isabella Kreim, www.nachtkritik.de – 25.03.2012
» ... unmittelbares, spielerisches, hervorragendes Schauspieler-Theater ... «
»Es ist eine schaurige, abstruse Geschichte, aber kein Gruselmärchen. Nichts als eine sachliche, portalbreite Treppe, weit an die Rampe vorgezogen, braucht Regisseurin Johanna Schall, um durch die Katastrophenspirale einer Familien- und Staats-Tragödie über Schäferspiel-Komik zu einem Schreckens-Happy-End zu führen. Illusionslos, auch in den Theatermitteln. Schon Shakespeares Spätstück ›Das Wintermärchen‹ kurvt hochmodern unlogisch durch Psychowahn und Tölpeleien, Freundschafts- und Liebestragödie, Staatskrise, Gaunerkomödie und Mysterienspiel. In Schalls Inszenierung sitzen heitere Menschen in weißen Anzügen auf der obersten Treppenstufe und sehen als Hofgesellschaft und Spiegelbild der Zuschauer tatenlos zu, wie der Alptraum beginnt. Es ist eine übermütig jungenhaft ausgetragene, wunderbare Freundschaft zwischen Polixenes, dem König von Böhmen und seinem Gastgeber Leontes, König von Sizilien sowie dessen geistreicher Frau Hermione. Doch schleichend überfällt Leontes der Dämon wahnhafter Eifersucht, er rutscht in ein geschlossenes Weltsystem, in dem nicht einmal die höchste Instanz, das Orakel von Delphi, ein objektives Korrektiv darstellen kann. Sebastian Kreutz liefert eine großartige psychologische Studie eines geradezu liebenswürdig von seiner fixen Idee aufgesogenen Tyrannen - und eines Spielmachers. Der Mordanschlag auf Freund Polixenes wird zwar nicht ausgeführt, weil Lord Camillo (in der Darstellung von Sascha Römisch durchaus auch tragikomische) Gewissensbisse ereilen, aber die Freunde fliehen Leontes, seine Frau und Sohn sterben, die neugeborene Tochter lässt der Verblendete in der Fremde aussetzen: Eine Familie und ein Land in Auflösung. Reue und Versöhnung wird erst die nächste Generation 16 Jahre später schaffen – nach Überwindung der üblichen Hindernissen durch das väterliche Veto. Ein komödiantischer Kampf mit einem Bärenkopf weist den stilistischen Weg in den zweiten Teil. Was wie eine antike Tragödie begann, bricht wie ein Füllhorn der Theaterunterhaltung auf. Heraus quellen gealterte Businessmen und mit Märchenrauschebärten Verkleidete, pubertäre Verliebte, eine zauberhaft-neckische Schäfertanz-Choreographie, charmante ›Rüpelszenen‹, eine männliche, burleske Schäfer-Mamma und ihr naiver Sohn (richtig rührend: Rolf Germeroth und Peter Reisser), die Allegorie der Zeit als kindlicher Rapper, ein sanftmütig-pfiffiger Gauner mit Songeinlagen, ein Verkleidungs-Striptease zur live gesungenen Barockarie ... Und die Treppe fokussiert unmittelbares, spielerisches, hervorragendes Schauspieler-Theater ohne Märchenzinnober mit ergreifenden Momenten auch von Annika Martens als Hermione und Teresa Trauth als couragierte Dienerin. Plastisch, bilderreich, ohne romantische Beschönigungen, heutig, aber ohne platte Modernismen ist die Übersetzung von Frank Günther ein weiterer Meilenstein in seiner Mammutaufgabe, für Shakespeares Gesamtwerk eine neue Sprache zu finden. Auch in den unterschiedlichen Tonlagen so nah am Original und so bühnentauglich wie möglich. Er stutzt dabei keineswegs den weitschweifig gedrechselten Sprechduktus des in seinen Wahn abdriftenden Leontes zurecht und dichtet mit doppelsinnigen Wort-Neuschöpfungen die Sprachlust Shakespeares nach. Trotzdem ist es gut, dass Dramaturg Donald Berkenhoff klug und radikal gekürzt hat. Ein schöner Trick: Gauner oder Narren raffen überlastigen Hofleute-Text als Reporter mit Mikrofon oder als Regieanweisung an die Figuren. Und so beginnt das furiose Finale als Theaterparodie. Bei der allseitigen Versöhnung und Verzeihung werden pathetisch die Arme gen Himmel geworfen, herrscht kollektives Schluchzen, Heulen und die-Treppe-herunter-purzeln, bevor der wahre Horror ausbricht. Leontes hat sie wieder, seine zu Unrecht wegen Untreue in Gefängnis und Tod getriebene Frau. Ihre Statue wird lebendig, schauerlich gealtert. Der tote Sohn jedoch bleibt Denkmal. Und der misslaunige Ton, mit dem Leontes seinen Hofmann und die treue Dienerin zwangsverheiratet und den Neubeginn der alten Dreier-Freundschaft heraufbeschwört, macht klar: Diesem Land und diesen Menschen könnte ein neuer Winter des Missvergnügens bevorstehen. ›Eine Komödie, die in Wahrheit eine Tragödie ist‹, heißt es in Thomas Bernhards ›Theatermacher‹, der nur zwei Tage zuvor in einer großartigen Aufführung in der Regie von Knut Weber in einer Sportgaststätte Premiere hatte: Beide Premieren zusammen bilden ein weiteres Kapitel in der ernsthaften, lustvollen und wahrhaftigen Theaterarbeit der ersten Spielzeit der Intendanz von Knut Weber.«