Winterreise

von Elfriede Jelinek, Fassung von Tilman Neuffer und Michael Simon

In Kooperation mit dem Badischen Staatstheater Karlsruhe

Österreich. – Elfriede Jelineks vielleicht persönlichstes Stück: »Ein von Zitaten aus Schuberts berühmtem Liederzyklus durchzogener Klagegesang über das gefräßige Monster Zeit, ›das Vorbei‹, über Vergänglichkeit und Vergeblichkeit, offene Wunden und schmerzende Einsamkeit« (taz). Leidend an ihrer »Unzeitigkeit«, ausgestoßen von der »Mehrheitsmeute«, unfähig sich an der Welt der »Abfahrer« und »Anleger« zu beteiligen, verharren ihre Figuren – nicht frei von Leidensstolz – in einer Art innerer Starre, oder verlieren sich, wie die Figur des an Alzheimer erkrankten Vaters, in einem Reich des Vergessens. In der Form ein typischer Jelinektext, tritt an die Stelle des zornigen Aufbegehrens das Gedankenhamsterrad der Depression. Dessen »ewiges Geleiere« wäre kaum zu stoppen, gäbe es da nicht die poetische Wortlust und die bitterböse Selbstironie der Nobelpreisträgerin.

 

Der Regisseur und Bühnenbildner Michael Simon macht nach der Uraufführung des Stückes an den Münchner Kammerspielen den zweiten Versuch, Elfriede Jelineks musikalisches Prosatheater sinnlich in Szene zu setzen.

 

Diese Produktion hatte Premiere in der Spielzeit 2010/2011 am Badischen Staatstheater Karlsruhe.

Regie: 
Michael Simon
Bühne: 
Michael Simon
Kostüme: 
Žana Bošnjak
Video: 
Christian Ziegler
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 120 Minuten, mit Pause
Peter Skodawessely, Augsburger Allgemeine – 07.02.2012
»...eine inszenatorische Offenbarung...«
»Es hängt von der Bereitschaft jedes einzelnen Zuschauers ab, losgelöst von konventionellen Theatererwartungen den Intentionen und Phantasien von Regisseur Michael Simon zu folgen. Wem diese Bereitschaft fehlt, der wird sich schwertun mit der Ingolstädter »Winterreise«. Wer sich darauf einlässt, für den ist das Stück eine inszenatorische Offenbarung.«
Theater heute – 01.06.2011
»...eine zeitlos assoziationsanregende Reise...«
»[…] Elfriede Jelineks Textkaskaden als stumme Tableaux vivants – das könnte man für bloßen Regie-Innovationszwang halten. Ist es aber nicht. Was [Michael] Simon und seinem Spielquartett plus zwanzigköpfiger Statisterie im ersten Drittel der als Triptychon angelegten Aufführung gelingt, ist eine sogkräftige Bilderreise ins Herz der Finsternis. Die von Simon auch ausgestattete Inszenierung beginnt mit beschwörend raunendem Gesang im Dunkel. Rechts vor der Bühne steht Nina Wurman, die den Bilderreigen mit ihrem Kontrabass begleitet. […] Auf dieser Spielfläche nun entstehen eigensinnige Bilder, die zum Assoziationssturm einladen. […] Doch der Text kommt noch zu seinem Recht. Zunächst als visuelles Ereignis: Der gesamte Bühnenraum ist Projektionsfläche für das Video von Christian Ziegler, der Jelinek-Zeilen dahinlaufen lässt wie Menschen, die vor einer Bretterwand vergeblich versuchen, mit den Buchstaben Schritt zu halten – und immer wieder schiebt ein Lichtkegel den Buchstabenfluss so zur Seite, dass der scheinbar darunter verborgene Satz erkennbar wird: >Schauen Sie den Toten nach, die Sie selbst bald sein werden.< Prompt geht es dann auch in der ersten gesprochenen Passage (ein Geräusch, das einen fast erschreckt) um das immer gegenwärtige ‚Vorbei’. Teresa Trauth und Patricia Coridun machen daraus in ironisch weiten Reifröcken (Kostüm: Zana Bosnjak) ein lockeres Plauderstündchen, das die wortreiche Vergänglichkeitsdepression als Luxusproblem kenntlich macht. Jedenfalls verglichen mit der deprimierenden Situation des abgeschobenen Alten, dessen bitteres Resignieren vor dem eigenen Verlöschen der souveräne Sebastian Kreutz ohne einen falschen Ton meistert. Ihm genügen eine schluffige Strickjacke und ein steifbeiniger Gang, jede Gefühligkeit wird ausgebremst, wenn Kreutz in seinem offensiven Spiel mit dieser Rolle die ungläubige Furcht eines Schauspielers (oder einfach Menschen) Ende 40 vor den Schrecken des Alters erzählt. Übertönt werden er und die jämmerlichen Internetsex-Kontaktversuche seiner Frau und Tochter von der Gitarre des Todes (Thomas Schrimm), der wie Heath Ledger in seiner Über-Rolle als Joker geschminkt ist und mit ähnlichen Zynismus verkündet: >Da steh ich nun mit meiner alten Leier. Immer dieselbe Leier. Wer will dergleichen hören? Niemand.< […] Jelinek Puristen mögen bemängeln, dass Simon und sein Dramaturg Tilmann Neuffer aus diesem wohl >persönlichsten< Jelinek-Text der Autorin fast alles Persönliche und Tagesaktuelle gestrichen haben – Kampusch, der Bankenskandal und ‚Mama’ sind bis auf die Andeutungen im Bilderreigen komplett gestrichen. Für alle anderen gibt es in dieser fünften Karlsruher Jelinek-Inszenierung unter dem scheidenden Schauspielchef Knut Weber (die ironischerweise erst kurzfristig durch die Absage einer Uraufführung zustande kam) gerade durch diese Striche eine zeitlos assoziationsanregende Reise von der rätselhaften Eigensinnigkeit der Kunst über die bedrohte Eigensinnigkeit des Einzelnen bis zum Verschwinden jedes Eigensinns. Eine Reise in die wahre Kälte.«
Christian Muggenthaler, Straubinger Tagblatt – 08.02.2012
»...ein Konfetti-Regen von Eindrücken...«
»Regisseur Michael Simon hat mit seiner jetzt wieder aufgenommenen Version die Vorlage der Nobelpreisträgerin radikal entkernt und auf ein Drittel eingedampft; er setzt statt auf viel Text lieber auf viel Visualisierung, auf Bilder, Tanz und Musik. Das schlüsselt zwar den gesprochenen Rest-Text auch nicht auf, lässt aber den Zuschauer immerhin Raum für persönliche Interpretation und Assoziation. (…) Diese Bilder sind ebenso kräftig wie kryptisch. (…) Simons Inszenierung ist ein Kaleidoskop von derlei Wirklichkeitsfetzen, ein Konfetti-Regen von Eindrücken aus modernen Vereinsamungstendenzen, und endet schließlich im chorischen Vortrag der vier Schauspieler über den heutigen Meute-Menschen: Antworten hat der auch nicht. Aber er klingt wenigstens wichtig.«
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