Amphitryon

Ein Lustspiel nach Molière von Heinrich von Kleist

Theben. – Feldherr Amphitryon und sein treuer Diener Sosias kehren erfolgreich und selbstbewusst aus dem Krieg nach Hause zurück – nur um festzustellen, dass sie offensichtlicherweise bereits da waren. Jupiter nämlich, der himmlische Göttervater, hat sich erfolgreich die Gestalt des Amphitryon zu eigen gemacht, um sich eine Nacht mit dessen attraktiver Ehefrau Alkmene zu erschleichen, während Jupiters Untergebener Merkur sich als Sosias getarnt hat, um dafür zu sorgen, dass die beiden auf keinen Fall gestört werden. Als der echte Amphitryon seine Frau wiedersieht, sind Missverständnisse vorprogrammiert. Die Verwirrung endet prompt im Ehestreit, bei der sich beide vollsten Herzens im Recht und vom jeweils anderen getäuscht fühlen. Erst ein Gürtel, den Jupiter als falscher Amphitryon seiner Geliebten in der Liebesnacht geschenkt hat, bringt zumindest die Klarheit, dass nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Während Amphitryon Zeugen sucht, die seine Version der Geschichte bestätigen können, besucht Jupiter jedoch – immer noch getarnt – Alkmene ein zweites Mal, und bringt deren Wahrnehmungswelt endgültig aus den Fugen. Selbst als beide Männer vor ihr stehen, weiß sie am Ende nicht mehr, an welchen sie glauben kann – und will.

 

Mit »Amphitryon« hat Kleist eine Verwechslungskomödie geschrieben, die hochkomisch und gleichzeitig erschütternd den menschlichen Kampf um Bewusstsein und Identität beschreibt. Jeder sagt »ich bin« – aber keiner kann sich beim anderen noch dessen sicher sein. Zwischen Erkennen und Verkennen liegt dabei der normale Spaltungsirrsinn der modernen Welt. Virtuos und mit allen Mitteln der Komödie schreibt Kleist seine Figuren schwindelig – bis sie nicht mehr zwischen Traumbildern, Erwartungshaltungen und der eigentlichen Realität unterscheiden können.

 

Das Programmheft zum Download: Bitte hier klicken.

Regie: 
Hüseyin Michael Cirpici
Bühnenbild: 
Julia Scholz
Kostüme: 
Sarah Bernardy
Dramaturgie: 
Lene Grösch
Bühnenbildassistenz: 
Beate Gölzner
Premiere am ,
Großes Haus
Dauer: 90 Minuten
Richard Mayr, Augsburger Allgemeine – 17.10.2011
»...Ingolstadt lohnt eine Theaterreise!«
(...) Das Theater Ingolstadt unter der neuen Intendanz von Knut Weber startet mit einer gelungenen Inszenierung von „Amphitryon“ in die neue Spielzeit. Das Große Haus wird dafür geflutet (Bühne: Julia Scholz). (...) Schon wenn Richard Putzingers Sosias zu Beginn sich unsicher durch die Nebelschwaden über dem Wasser windet, schwindet die Selbstsicherheit des dienernden Maulhelden. Als ihm Olaf Danners vom vielen Warten leicht genervter Merkur-Sosias das Recht auf das Ich streitig macht, ihm gar verbietet, diesen Namen zu führen, erfährt das Schlitzohr, dass es auch ziemlich kleinlaut sein kann. (...) Nicht nur Sosias, auch dessen Gemahlin Charis (Teresa Trauth) meistert keifend, zeternd und beleidigt die Ausnahmesituation, was der Komödie freien Lauf lässt. Anders sieht es eine Ebene höher aus. In Jan Gebauers Amphitryon breiten sich die Wutwellen des gehörnten Ehemanns zwar aus, brechen sich aber daran, dass Alkmenes Geliebter irgendwie auch er selbst ist. Sein Zorn wendet sich immer auch gegen sich. Patricia Coridun erwacht als Alkmene nach der süßesten Nacht in tiefster Schuld. War es Jupiter, der ihr begegnete? Und Ralf Lichtenberg kann sich als Jupiter nicht an der Nacht laben, weil Alkmene sich nicht ihm, sondern ihrem Mann hingegeben hat.(...) (...) Ingolstadt lohnt eine Theaterreise!
Barbara Bogen; KulturWelt, Bayern 2 – 17.10.2011
»...Riesenerfolg zum Spielzeitauftakt...«
(…) Über Kleist selbst hat Alexander Kluge einmal gesagt, er sei ein »homo volans« gewesen, ein »fliegender Mensch«. Auch die Menschen hier in der sehenswerten Inszenierung von Hüseyin Michael Cirpici fliegen über die Wasser, suchen sich selbst, finden sich nicht und stürzen ab, spielen Rollen und müssen doch leiden. Sind bei sich und außer sich, identifizieren sich und wissen doch, dass das Ich nur gespielt wird. Kleists Amphitryon spielt nicht nur lange vor der Psychoanalyse das Thema der Schizophrenie durch und der Fremdheit im eigenen Körper, sondern kulminiert auch Visionen von der Austauschbarkeit des geklonten Individuums. Am Ende gibt es kein ,»Ach«. Alkmene sitzt einfach patschnass da im Wasser und zittert. Ein Riesenerfolg zum Spielzeitauftakt in Ingolstadt.
Kulturkanal - Isabella Kreim – 17.10.2011
»...ein intensiver Theaterabend...«
Das gesprochene Wort ins Zentrum und möglichst einen Bezug zur Stadt her- zu stellen, diese Versprechen des neuen Intendanten Knut Weber sind bereits mit den ersten beiden Produktionen eingelöst worden. Als schörkelloses Nacht-Spiel inszeniert Hüseyin Michael Cirpici Heinrich von Kleists „Amphitryon“. Endlich, nach 22 Jahren, wieder Kleists wunderbares Lustspiel „Amphitryon“ im Stadttheater Ingolstadt. (...) Regisseur Hüseyin Michael Cirpici nimmt die ungeheuerlichen Identitätskrisen seiner Protagonisten, auch die auf der Dienerebene, ernst. Er findet eine (alp-)traumhafte Raumsituation mit irisierender Ästhetik, die keiner weiteren Einfälle bedarf und stürzt seine Darsteller dann mit Verve in die verwirrenden Kleistschen Situationen. Schnörkellos ist diese Inszenierung, und so kann sich Kleists geniales Verwirrspiel Schlag auf Schlag in nur 1 ½ dichten Stunden entfalten. (...) Schwarz ist die Bühne von Julia Scholz. Und es bleibt Nacht. Eine Wasserfläche bedeckt die Bühne und wirft Lichtreflexe auf das schwarze Bühnenportal. Nebel wallt. Wie „im Traum“, wie aus einer nächtlichen Fata Morgana tauchen die Figuren auf. Zwei Stege über die Wasserfläche liefern ein wenig festen Boden und schöne Diagonalpositionen. Ansonsten schlurfen und stapfen die Darsteller durch knöcheltiefes Wasser. Ein wenig irreal bleibt also alles, was geschieht. Und das ist gut so. (...) Ralf Lichtenberg als Jupiter ist der leichtfüßigere, elegantere Amphitryon. Lässig gefühllos ist sein Abschied von Alkmene, weiß er doch, wie unwiderstehlich seine Liebeskünste sind. Schnell kann er sie sanft umschmeicheln, aber genauso gut ärgerlich werden, wenn er erkennen muss, dass sie immer nur den Amphitryon in ihm liebt. Und er ist nicht nur ein erotischer Verführer, sondern er kann sie auch mit seiner Redegewandheit manipulieren. Jan Gebauer ist der handfestere Feldherr, dem feine Töne nicht so zu eigen sind. Aufbrausend wird er, wenn er das Unglaubliche nicht begreifen kann. Und wirklich verzweifelt, wenn ihm mit seiner Identität auch alles was er ist, Besitz, Macht, Rang abhanden gekommen scheint. Und manchmal ist da auch ein wunderbarer Hauch Komik im Spiel, wenn Gebauer die Welt nicht mehr verstehen kann. Und komisch ist natürlich auch, wie Teresa Trauth als Charis ihren Sosias umschmeichelt, weil sie ihn, natürlich den falschen, für den Gott Merkur hält. Sie ist überhaupt eine treffliche Besetzung für die unerschrockene Schnoddrigkeit der Dienerin. Richard Putzinger als Sosias opfert seine Figur nicht dem Klamauk, sein Sosias quält sich wirklich und kommt lebensgeprüft immer wieder auf die Beine. Der fiese Merkur von Olav Danner hat fast sadistische Züge, wie er Wurst und Kraut vor des Hungrigen Augen schlabbert oder die arme Charis vor den Kopf stößt. Patricia Coridun als Alkmene macht nicht den Eindruck, als würde sie auf den erstbesten Blender hereinfallen. Selbstbewusst wehrt sie sich gegen den Untreueverdacht und behält auch in der tiefsten Verzweiflung ihre Würde - bis sie zuletzt , wenn die Männer sich triumphal geeinigt haben, im Wasser zusammenbricht. Als spürte sie schon die Geburtswehen für den Halbgott, den sie gebären soll. Ihr letztes Ach ist weder Ratlosigkeit noch Erkennen, sondern ein tiefer Seufzer, als hätte sie nun beide Amphitryonen ziemlich satt. „Amphitryon“ als Alptraum: ein intensiver Theaterabend.