LET THEM EAT IPHIGENIE

von Natalie Baudy und David Moser nach Euripides´»Iphigenie in Aulis«

ab 14 Jahren

Iphigenie ist gerade mal 15 und schon lastet das Schicksal des ganzen Griechenvolks auf ihr. Als sie in der Küstenstadt Aulis ankommt, wo das versammelte Heer bereitsteht, um nach Troja aufzubrechen, bietet sich ihr ein schrecklicher Anblick. Die Felder sind verdorrt, das Meer hat sich in eine warme Brühe verwandelt und die Menschen leben im Elend. Die Göttin Artemis hat die eitlen Griech*innen mit Hitze und Flaute bestraft. Und ausgerechnet Iphigenie soll all das beenden können? Wie? Und vor allem: wofür? Damit alles wieder so wird wie immer? Damit ihr Vater und ihr Onkel in sinnlosen Kriegen um Ruhm und Ehre kämpfen können und noch mehr Leid über die Welt bringen? Während die Griech*innen ihre vermeintliche Retterin wie einen Superstar feiern und Iphigenie immer weiter bedrängen, wird ihr langsam klar: Sie muss sich selbst opfern, um ihr Volk vor dem Niedergang zu retten. So will es Artemis, so will es das Griechenvolk. Aber selbst wenn sie durch Selbstaufgabe alle retten könnte - will sie sich wirklich der patriarchalen Ordnung fügen, um so das bestehende System zu erhalten?

Mit »LET THEM EAT IPHIGENIE« entwickeln Natalie Baudy und David Moser eine neue Überschreibung von Euripides’ antiker Vorlage »Iphigenie in Aulis«. Dabei untersuchen sie gemeinsam mit dem Ensemble die älteste Tochter der Klytämnestra als Figur, die abseits der todbringenden Altlasten ihrer Eltern und der unfreiwilligen Stilisierung zur Retterin des Humanismus (Goethe) ihre eigenen Werte finden will. Irgendwo zwischen Britney Spears und Greta Thunberg gesellt sich Iphigenie zu einer großen Gruppe junger Frauen, die zwar Vorbild sind und sogar verehrt werden, deren Schicksal und das, wofür sie stehen, ihnen aber längst aus der Hand genommen wurde. Wer also ist die selbstlose Heldin Iphigenie, deren Name und Bedeutung größer sind als alles, was sie jemals sein könnte? Warum brauchen wir sie scheinbar so dringend? Und müssen wir am Ende selbst zu Iphigenie werden?

Die Überschreibung des Iphigenie-Stoffs könnte eine Geschichte der Selbstermächtigung sein. Irgendwo zwischen Kind- und Erwachsensein hängend, versucht sich die heranwachsende Iphigenie von Patriarchat, Schicksal und Götterspruch zu emanzipieren und herauszufinden, was sie selber ist und will. Ein durchaus bekanntes Gefühl für junge Menschen auf dem Weg in die Eigenständigkeit, ein Ringen um Autonomie. Wie kann es gelingen, sich aus dem Wust der Erwartungen von Eltern, Schule und Gesellschaft zu befreien und seinen eigenen Weg zu finden?

Für den Regisseur David Moser ist Iphigenie eine Heldin, die nie eine sein wollte. »Sie wird zur Heldin gemacht. Die Erwachsenen verlangen von ihr das größte Opfer von allen: ihr Leben«, so Moser. Und er präzisiert: »Ich sehe Iphigenie als Stellvertreterin einer jungen Generation, die sich ihr Schicksal nicht ausgesucht hat, sondern von den Älteren dazu aufgerufen wurde, die zerstörte Umwelt und Natur zu retten. Auch sie haben keine Wahl. Iphigenie sucht dabei einen eigenen Weg, der nicht gewalttätig und laut, sondern einfühlsam und differenziert ist. Wir fragen uns gemeinsam mit Iphigenie: Wie können Jugendliche mit dieser scheinbar übergroßen Aufgabe umgehen, ohne sich selbst zu verlieren?«

Premiere: 17.12.2022

Regie: 
David Moser
Ausstattung: 
Stella Lennert
Dramaturgie: 
Natalie Baudy