Grußwort des Intendanten

Wie wollen wir leben?

Das ist die Frage, um die es geht. Sie muss beantwortet werden. Von jedem von uns. Sind uns die Grundwerte unserer Gesellschaft noch wichtig? Wollen wir frei sein, gleich und brüderlich? Toleranz oder keine Toleranz den Intoleranten? Wollen wir unsere Art zu leben – die Werte der französischen Revolution, die Grundsätze der deutschen Aufklärung – verteidigen gegen alle, die sie verachten – gegen religiöse Fanatiker ebenso, wie gegen die ›Wir-sind-das-Volk‹- Schreihälse? Gegen die ›Das hat aber nichts mit der Religion zu tun‹-Besänftiger und die Verleumder mit der Toleranz - Militanz? Oder sind die Werte uns herzlich egal? Gibt es die überhaupt noch oder sind sie längst verkommen auf dem Müllhaufen der Geschichte? Der Sozialismus hat den Hinterausgang genommen. Dessen utopischen Traum hat der Kapitalismus ohne zu zögern adoptiert. Freiheit und Gleichheit? Ja klar! Alles geht; alles ist möglich; alles ist käuflich: Gesundheit, Sex, Menschen, Pässe, Zukunft, Leben. Wollen wir Grenzen setzen oder können wir offen sein? Wofür ist »Schengen« eigentlich ein Symbol? Wollen wir nur für den Markt offen sein oder auch für Menschen und Gedanken? Gilt das Reinheitsgebot tatsächlich nur für das Bier?

Entscheiden. Handeln. Leben. Jetzt.
Jede/r muss Position beziehen. Verantwortung übernehmen. Nur zuschauen ist uncool. Dann handeln andere. Das ist nicht unbedingt beruhigend.

Und was kann Theater tun?
Gelassen und neugierig die richtigen Fragen stellen. Offenheit und Toleranz leben. Mut machen. Zur Debatte einladen. Gute Kunst machen. Magische Momente schaffen, die unvergesslich bleiben. Verzaubern und betören. Mit der Vielfalt der Künste zeigen, dass Alles auch anders sein könnte.

Das Theater ist das Kraftzentrum der Stadt. Es ist täglich offen für jeden. Der geschlossene Theatervorhang ist ein Versprechen: Gemeinsam mit vielen Menschen Neues zu hören, zu sehen, zu erleben und zu besprechen. Wie wunderbar im Wortsinn ist diese über 2.000 Jahre alte Erfindung der Menschen. Repressive Gesellschaften und Diktaturen wissen, warum sie die Kunst unterdrücken und das Theater fürchten.
Wenn Sie frei atmen wollen, kommen Sie einfach vorbei.

Ihr Knut Weber