Künstler*innen

 

Die Skulpturen wurden entwickelt von dem/den Künstler*innen Kathrin Busching, Andrea Fisser, Monika Gora, Susanne Hiller, Markus Jordan und Simone Manthey.

Kathrin Busching studierte Modedesign an der UdK Berlin und der Hochschule für Kunst und Design Halle. Danach erwarb sie ein Engagement als Ausstatterin und Produktionsleiterin bei der Expo 2000 im Deutschen Pavillon. Seither ist sie als Bühnen- und Kostümbildnerin für Oper und Schauspiel tätig. Einladungen zu Festivals im In- und Ausland folgten. Ein Arbeitsstipendium führte sie 2003 für längere Zeit nach Moskau. Die dort entstandenen Arbeiten wurden zum Internationalen Theaterforum »urban lab« im Bauhaus Dessau aufgeführt. Von 2002-2006 Dozentin im Masterstudiengang Bühnenbild der TU Berlin. 2007 Gründung des Modelabels »nadelarbeit«. Seit der Spielzeit 2019/ 2020 ist sie für das CI und CD des Stadttheater Ingolstadt unter Leitung des Intendanten Knut Weber verantwortlich. Alle Plakate und Internetauftritte, sowie das aktuelle Spielzeitheft wurden von ihr gestaltet.

Andrea Fisser absolvierte die Modeschule Escuela Balear de Diseño und arbeitet seit über 25 Jahren als Kostüm- und Bühnenbildnerin an verschiedenen Häusern für Schauspiel und Oper in ganz Deutschland. Unter anderem für die Oper Chemnitz, dem Metropoltheater und dem Gärtnerplatz Theater München, dem Staatstheater Darmstadt und dem Stadttheater Ingolstadt. In Ingolstadt war sie u.a. für die Inszenierungen „Frohes Fest“ „das Ballhaus“, „Welt am Draht“ als Kostümbildnerin tätig. Ausstellungen u.a. in Paris und München.

Monika Gora studierte von 1989 bis 93 am Mozarteum Salzburg Bühnen- und Kostümbild bei Prof. Galleé und Prof. Kapplmüller. Seit 1995 arbeitet Monika Gora als freie Bühnen- und Kostümbildnerin. Von 2007 bis 2010 war sie Ausstattungsleiterin am Theater Bremen und von 2009 bis 2017 Ausstattungsleiterin für Kostüm/Maske/Requisite bei den Bayreuther Festspielen. Eine sehr schaffensreiche Zeit mit über 130 Produktionen führte sie u. a. an die Staatstheater Oldenburg, Braunschweig, Mainz und Meiningen, das Schauspiel Essen, die Stadttheater Bielefeld, Konstanz, Gießen und Oberhausen.  Am Stadttheater Ingolstadt war sie u.a. für die Ausstattung „Die Konferenz der Vögel“ verantwortlich.

Susanne Hiller studierte Studium Bühnen- und Kostümbild an der Hochschule für Gestaltung Offenbach (Prof. Rosalie). Ein Auslandsemester im Bereich Szenographie führte sie an die Hochschule der Künste Zürich. Seit 2007 ist sie erfolgreich als freie Bühnen- und Kostümbildnerin für Theater und Oper tätig. Projekte in Deutschland, Österreich und der Schweiz führten sie u. a. an die Deutsche Oper Berlin, ans Deutsche Theater Berlin, Schauspiel Frankfurt, Schauspielhaus Stuttgart, Badisches Staatstheater Karlsruhe, Staatstheater Darmstadt, Stadttheater Ingolstadt, Theater und Orchester Heidelberg, Schauspielhaus Wien und ans Landestheater Linz. Darüber hinaus entwarf und realisierte ich einige Kunstobjekte und Installationen für den öffentlichen Raum und gestaltete diverse Szenenbilder für Film und Werbung.

Markus Jordan setzt sich seit 1996 mit den verschiedensten Aspekten des Lichtes im künstlerischen Sinn autodidaktisch auseinander. Von 1997 bis 2001 absolvierte er eine Ausbildung als Schilder- und Lichtreklamehersteller und erweiterte das Spektrum seiner Material- und Fertigungstechniken. Seine Lichtinstallationen waren u.a. in den „Unsichtbaren Gärten“ am Stadttheater Ingolstadt zu sehen. Seit 2002 ist er selbstständig mit Atelier in Ingolstadt tätig. Seit der Spielzeit 2013/14 ist er in der Bühnentechnik für das Junge Theater am Stadttheater tätig.

Simone Manthey studierte in Salzburg Bühnen- und Kostümbild, assistierte am Schauspiel Bonn, arbeitete 1991–93 als Ausstattungsleiterin am Landestheater Tübingen und ist seit 1994 als freischaffende Bühnenbildnerin und Grafikerin an Theatern u. a. in Freiburg, Kassel, Bonn, Salzburg, Darmstadt, Schwäbisch Hall, Reutlingen und am Grips-Theater in Berlin tätig. 2006 gründete sie mit Christopher Maas und Jürgen Sihler den Verein Werkraum Karlsruhe e. V. für Theaterprojekte für, von und mit Kindern und Jugendlichen. Am Stadttheater Ingolstadt war sie u.a. für die Ausstattung von „Romeo und Julia“ und „Der Schneesturm“ verantwortlich.

Die Figuren wurden von den Werkstätten des Stadttheaters Ingolstadt und »3d Manufakt – Dekoration, Kulissenbau, Requisite« (Weitere Infos: www.3d-manufakt.de) hergestellt. Ursprünglich geplant für eine theatrale Landschaftsbespielung, wurden sie nun überarbeitet und neu konzeptioniert für die Produktion »It’s not easy«.

Alle Figuren, Gruppen und Installationen stehen im inhaltlichen Kontext mit dem Text »Unruhig bleiben« von Donna Haraway. Die Autorin untersucht die Stellung des Menschen als Teil der Natur und seine Beziehungen und Abhängigkeiten zu und von menschlichen und nicht-menschlichen Lebewesen in einer in Teilen weitgehend zerstörten Natur. Im Zentrum steht ihr Konzept des sich verwandt Machens der Lebewesen und ihre Durchmischung.

 

Text

 

Im Folgenden können Sie einen Ausschnitt des Textes nachlesen:

Aus Donna Haraway, Unruhig bleiben. Die Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän
Mit freundlicher Genehmigung des Campus- Verlags, Frankfurt am Main/New York.

Scheinheilige Demagogen empören sich, dass so viele Menschen die Grenzen Europas überqueren und sich „bei uns“ schamlos niederlassen und so tun, als wären sie „bei sich zu Hause“. Daran hätte man früher denken sollen, vor den „großen Entdeckungen“, vor der „Kolonisierung“, vor der Dekolonisierung.

Wenn Sie Angst haben vor dem Großen Austausch, hätten sie nicht beginnen dürfen, die „jungfräulichen Erden“ durch unsere eigenen Lebensweisen zu ersetzen.
Es scheint, als hätte Europa mit den potenziellen Migranten einen hundertjährigen Pakt geschlossen: Wir sind zu euch gekommen, ohne etwas von euch zu verlangen; ihr kommt zu uns, ohne eurerseits etwas von uns zu verlangen. Eine Win-win-Situation. Der ist nicht zu entkommen. Da Europa einmal über alle Völker hergefallen ist, kommen nun alle Völker nach Europa.

Dies umso mehr, als Europa einen weiteren Pakt mit den anderen Erdverbundenen geschlossen hat, die sich nun ebenfalls in Marsch setzen und seine Grenzen überrollen wollen: die Gewässer der Ozeane, ausgetrocknete oder anschwellende Flüsse, Wälder, die rasch wandern müssen, um nicht von der Klimaveränderung erwischt zu werden, Mikroben, Viren und Parasiten – sie alle lechzen nach einem großen Austausch. Ihr seid zu uns gekommen, ohne etwas von uns zu verlangen; wir kommen zu euch, ohne etwas von euch zu verlangen. Nachdem von ihnen allen profitiert wurde, setzen sich diese zu rechtmäßigen Akteuren gewordenen Ressourcen, wie der Wald von Birnam, nun ihrerseits in Marsch, um sich ihr Hab und Gut zurückzuholen.

Zumindest auf seinem Territorium können die drei großen Fragen der Zeit zusammenlaufen: Wie kommen wir aus der Minus-Globalisierung heraus? Wie verkraften wir die Reaktion des Systems Erde auf die menschlichen Handlungen? Wie organisieren wir uns, um die Flüchtlinge aufzunehmen?

Wir alle auf Terra leben in unruhigen Zeiten, in aufgewirbelten Zeiten, in trüben und verstörenden Zeiten. Die Aufgabe besteht nun darin, reagieren zu können, und zwar gemeinsam und in unserer je unbescheidenen Art. Aufgewirbelte Zeiten quellen über vor Schmerz und Freude, vor sinnlosem Abtöten des Weiterbestehens, aber auch vor unerlässlicher Wiederbelebung. Die Aufgabe besteht darin, sich entlang erfinderischer Verbindungslinien verwandt zu machen und eine Praxis des Lernens zu entwickeln, die es uns ermöglicht, in einer dichten Gegenwart und miteinander gut zu leben und zu sterben. Es ist unsere Aufgabe, Unruhe zu stiften, zu wirkungsvollen Reaktionen auf zerstörerische Ereignisse aufzurütteln, aber auch die aufgewühlten Gewässer zu beruhigen, ruhige Orte wiederaufzubauen. In dringlichen Zeiten ist es für viele verlockend, der Unruhe zu begegnen, indem sie eine imaginierte Zukunft in Sicherheit bringen. Dafür versuchen sie, am Zukunftshorizont Drohendes zu verhindern, aber auch Gegenwart und Vergangenheit beiseite zu räumen, um so für kommende Generationen Zukunft zu ermöglichen. Unruhig zu bleiben erfordert aber gerade nicht eine Beziehung zu jenen Zeiten, die wir Zukunft nennen. Vielmehr erfordert es zu lernen, wirklich gegenwärtig zu sein. Gegenwärtigkeit meint nicht einen flüchtigen Punkt zwischen schrecklichen oder paradiesischen Vergangenheiten und apokalyptischen oder erlösenden Zukünften, sondern die Verflechtung von uns sterblichen Lebewesen mit unzähligen unfertigen Konfigurationen aus Orten, Zeiten, Materien, Bedeutungen.

Eins der wundersamsten Phänomene der Wälder ist, dass sie nach einer Zerstörung mitunter wieder aufwachsen. In der heutigen Welt wissen wir, wie die Wiedererstehung aufzuhalten ist. Aber dies scheint kein hinreichender Grund, ihre Möglichkeiten nicht wahrzunehmen.

Eine game-over-Haltung drängt sich auf, wenn man intensiv spürt, und nicht nur weiß, dass die Zahl der Menschen im Jahr 2100 vermutlich über 11 Milliarden betragen wird. Das heißt, dass sich zwischen den Jahren 1950 und 2100, also in nur 150 Jahren, die menschliche Weltbevölkerung um 9 Milliarden vergrößert haben wird. Dies wird sich nicht nur auf Arme und Reiche sehr unterschiedlich auswirken – wobei die Reichen die Erde viel stärker belasten als die Armen –, sondern vor allem verheerende Folgen für beinahe alle nichtmenschlichen Wesen haben. Wir werden miteinander oder wir werden gar nicht.

Diese Zeiten, Anthropozän genannt, sind die Zeiten einer artenübergreifenden Dringlichkeit, die auch die Menschen umfasst. Es sind Zeiten von Massensterben und Ausrottung; von hereinbrechenden Katastrophen, deren unvorhersehbare Besonderheiten törichterweise für das schlechthin Nichtwissbare gehalten werden; einer Verweigerung von Wissen und der Kultivierung von Verantwortung; einer Weigerung, sich die kommende Katastrophe rechtzeitig präsent zu machen; Zeiten eines nie da gewesenen Wegschauens. Gewiss: Es ist fast unvorstellbar, angesichts der Realitäten der letzten Jahrhunderte „nie da gewesen“ zu sagen. Wie können wir in Zeiten der Dringlichkeit ohne maßlose und selbsterfüllende apokalyptische Mythen denken, wenn wir doch mit jeder Faser unseres Daseins mit jenen Mustern verflochten, ja in Komplizenschaft verbunden sind, die aufgegriffen und restrukturiert werden müssen? Umgekehrt ist es so, dass wir, egal ob wir darum gebeten haben oder nicht, das Muster in unseren Händen halten. Die Antwort auf das Vertrauen der ausgestreckten Hand: Denken müssen wir.

Es sind nicht nur Menschen, die über Verlust trauern; andere Wesen trauern ebenfalls. Rabenvögel betrauern Verlust.
Trauern heißt, mit einem Verlust zu verweilen und damit zu würdigen, was er bedeutet, wie die Welt sich verändert hat und wie wir selbst uns verändern müssen, unsere Beziehungen verändern müssen, um von hier aus vorwärtszugehen. In diesem Kontext sollte wirkliches Trauern unsere Wahrnehmung für unsere Abhängigkeit von und unsere Beziehungen mit den unzähligen anderen Wesen öffnen, die über den Rand des Aussterbens gestoßen werden. In Wirklichkeit ist es so, dass es keine Möglichkeit gibt, die notwendige, schwierige kulturelle Arbeit von Reflexion und Trauer zu vermeiden. Es ist keine Arbeit, die praktischer Aktion entgegensteht, sondern die vielmehr das Fundament jeder nachhaltigen und informierten Antwort bildet.

Trauer ist ein Weg, um verwickeltes Leben und Sterben zu verstehen; wir Menschen müssen mit-trauern, weil wir von und um Gewebe der Zerstörung leben. Ohne uns dauerhaft zu erinnern, können wir nicht lernen, mit den Gespenstern zu leben, und wir können auch nicht denken. Wie die Krähen und mit den Krähen, lebendig und tot, „stehen wir in Gesellschaft von anderen auf dem Spiel“.

Es gibt die anderen Geschichten, in denen zwar Raum für den Jäger ist, aber in denen es nicht um ihn ging und geht, den sich selbst produzierenden Menschen, die maskulin menschenmachende Maschine der Geschichte? Die leichte Höhlung der Muschel, die nur ein kleines bisschen Wasser bewahren kann, nur ein paar Samen, die verteilt oder empfangen werden möchten, gibt Geschichten des Mit-Werdens ein, von reziproker Anregung, von Art-GenossInnen, deren Aufgabe im Leben und Sterben nicht darin besteht, das Erzählen und die Verweltlichung zu beenden. Mit einer Muschel und einem Netz hat die Menschwerdung, die Humuswerdung, das terrestrisch Werden eine andere Gestalt – die sich seitlich windende Schlangengestalt des Mit-Werdens. Mit-zu-denken bedeutet, in naturkulturellen, artenübergreifenden Turbulenzen der Erde unruhig zu bleiben. In diesem Ringen gibt es keine Garantien, keinen Zeitpfeil, kein Gesetz der Geschichte oder der Wissenschaft oder der Natur. Es gibt nur rückhaltlos kontingente Science Fiction-Verweltlichung des Lebens und Sterbens, des Mit-Werdens und des Mit-Vergehens, der Sympoiesis und so, nur vielleicht, artenübergreifendes Gedeihens auf der Erde.

Die Erde/Gaia ist Macherin und Zerstörerin, nicht eine Ressource, die man ausbeuten kann, nicht eine Schutzbefohlene, auf die man aufpassen muss, aber auch keine stillende Mutter, die Nahrung verspricht. Gaia ist keine Person, sondern sie ist aus jenen komplexen, systemischen Phänomenen gebildet, die einen lebendigen Planeten ausmachen. Gaias Eindringen in unsere Angelegenheiten ist ein radikal materialistisches Ereignis, das Vielheiten versammelt. Dieses Eindringen bedroht nicht das Leben auf dieser Erde als solches – Mikroben werden sich schlichtweg anpassen –, aber es bedroht die Belebbarkeit der Erde für vielerlei Arten, Spezies, Assemblagen und Individuen. Man nennt dieses „Ereignis“, das gerade stattfindet, die „sechste große Auslöschung“.

Gaia ist ein eindringliches Ereignis, das dem gewohnten Denken ein Ende setzt. „Sie ist das, was die Fabeln und Refrains der modernen Geschichte ausdrücklich hinterfragt. Es geht nur um ein einziges Rätsel: Was ist die Antwort, die wir, die wir zu dieser Geschichte gehören, zu formulieren vermögen, wenn wir nun dem, was wir verursacht haben, ins Gesicht sehen?“

Es ist von Gewicht, auf welche Arten und Weisen von Leben und Sterben wir setzen. Es macht nicht nur für menschliche Wesen einen Unterschied, sondern auch für die vielen Lebewesen quer durch alle Taxa, die wir der Ausrottung, dem Genozid und der Zukunftslosigkeit preisgegeben haben. Ob wir wollen oder nicht, wir sind Teil eines Fadenspiels, das sich um gefährdete Welten kümmert; Welten, die durch den fossilienverbrennenden Menschen, der in den Orgien des Anthropozäns und Kapitalozäns so schnell wie möglich neue Fossilien herstellt, sehr viel stärker gefährdet sind als früher.

Die Hauptrollen sind nicht auf die zu großen SpielerInnen in den zu großen Geschichten des Kapitalismus und des Anthropos beschränkt, zumal beide zu seltsam apokalyptischer Panik und noch seltsameren gleichgültigen Verurteilungen einladen, anstatt aufmerksame Praktiken des Denkens, des Liebens, der Wut und der Sorge zu fördern.

Das Anthropozän und das Kapitalozän überlassen sich zu schnell dem Zynismus, der Schwarzseherei und ebenso selbstsicheren wie selbsterfüllenden Vorhersagen im Stil von „Das Spiel ist aus, es ist zu spät“. Solche Reden hört man derzeit überall, sowohl von Experten als auch in der breiten Öffentlichkeit. In ihnen infizieren technotheokratische, geoingenieursmäßige Reparaturfantasien und das sich Suhlen in Verzweiflung jede gemeinsam hergestellte Vision. Sich mit dem schieren Nicht-Wir, mit der mehr als menschlichen Verweltlichung des Korallenriffs zu konfrontieren, mit all seinen Anforderungen, die das Leben und Sterben von unzähligen Lebewesen ermöglichen, ist auch eine Konfrontation mit dem Wissen, dass gegenwärtig mindestens 250 Millionen menschliche Wesen in ihrem guten Leben und Sterben direkt auf das Überleben dieser Holobiome angewiesen sind. Vielfältige Korallen und vielfältige Völker und Leute stehen mit- und füreinander auf dem Spiel. Gedeihen muss als artenübergreifende Responsabilität und ohne die Arroganz der Himmelsgötter und ihrer Lakaien kultiviert werden. Oder die biodiverse Erde wird sich in etwas sehr Schleimiges verwandeln, wie ein überfordertes, komplexes, adaptives System, dem es nicht mehr gelingt, eine Verletzung nach der anderen auszugleichen.

Wir verbinden, wissen, denken, verweltlichen und erzählen Geschichten mit und durch andere Geschichten, Welten, Wissensformen, Gedanken, Sehnsüchte. Und das machen alle anderen Lebewesen auf Terra auch, wir tun es in all unserer unbescheidenen Verschiedenheit und in all den kategoriendurchbrechenden Artenbildungen und Verknotungen. Andere Wörter dafür könnten Materialismus, Evolution, Ökologie, Sympoiesis, Geschichte, situiertes Wissen, kosmologische Performance, künstlerisch-wissenschaftliche Verweltlichung oder Animismus sein, niemals ohne die Kontaminationen und Infektionen, die von den Begriffen beschworen werden. Lebewesen stehen für- und ineinander bei jeder Durchmischung und Umlagerung des terrestrischen Komposthaufens auf dem Spiel. Wir sind Kompost, nicht posthuman; wir bewohnen den Humusismus, nicht den Humanismus. Lebewesen – menschliche und nichtmenschliche – werden miteinander, komponieren und dekomponieren einander, in allen Maßstäben und Registern von Zeitlichkeit und Stofflichkeit; in sympoietischen Verwicklungen, in ökologisch-evolutionären-entwicklungsgeschichtlichen irdischen Verweltlichungen und Entweltlichungen.

Existiert ein Wendepunkt der Konsequenzen? Ein Wendepunkt, der die Devise für das „Spiel“ des irdischen Lebens für jeden und alles verändert? Es ist mehr als der Klimawandel; es sind auch die außergewöhnlichen Belastungen toxischer Chemie, des Bergbaus, des nuklearen Abfalls, der Schwund von Seen und Flüssen über und unter Land, die Vereinfachung von Ökosystemen, enorme Genozide unter Leuten und anderen Lebewesen et cetera, et cetera, all das in systemisch verbundenen Mustern, die kapitalen Systemkollaps auslösen.

Eine verbilligte Natur kann die Extraktion und Produktion von und mit der jetzigen Welt nicht aufrechterhalten, da die meisten Reserven der Erde entwässert, verbrannt, aufgebraucht, vergiftet, getötet oder sonst irgendwie erschöpft worden sind. Enorme Investitionen und ungeheuer kreative wie destruktive Technologien können den finalen Schlussstrich unter der Rechnung ein wenig aufschieben, aber Natur ist wirklich nicht mehr billig zu haben. Das Anthropozän markiert schwerwiegende Diskontinuitäten; was danach kommt, wird anders sein, als das, was war. Es ist unsere Aufgabe, das Anthropozän so kurz/dünn wie nur möglich zu halten und miteinander auf jede vorstellbare Art und Weise kommende Epochen zu kultivieren, in denen Refugien sich wiederbeleben können.

Augenblicklich ist die Erde voller Geflüchteter, menschlicher und nichtmenschlicher, ohne Zuflucht.

Sich verwandt zu machen, als Zugewandtheit, als Angehörige ohne Geburtsbande, kann die Imagination weiten und die Geschichte verändern.
Ich denke, dass sich die Ausdehnung und Neukomposition des Begriffs Verwandtschaft dadurch rechtfertigt, dass alle Erdlinge im tiefsten Sinn verwandt sind. Und es ist höchste Zeit, besser für Arten-als-Gefüge Sorge zu tragen (nicht für Spezies, jede für sich). Verwandtschaft ist ein zusammenfügendes Wort. Alle Lebewesen teilen lateral, semiotisch und genealogisch gemeinsames „Fleisch“. Ahnen stellen sich dann als sehr interessante Fremde heraus; Verwandte werden unvertraut, jenseits dessen, was für uns zuvor Familie oder Gene bedeuten, unheimlich, spukend, aktiv. Also macht euch verwandt, nicht Babys! Es ist von Gewicht, wie Verwandtschaft Verwandte schafft.

Tatsächlich bedeutet Verantwortung zu übernehmen in und für jene Verweltlichungen, die in diesen Geschichten auf dem Spiel stehen, die Kultivierung einer viralen Responsabilität; einer Responsabilität, die Bedeutungen und Materialien zwischen den Arten hin und her trägt, um Prozesse und Praktiken zu infizieren, die Epidemien einer artenübergreifenden Wiederbelebung anstoßen könnten; vielleicht sogar das Gedeihen auf Terra in alltäglichen Zeiten und Orten. Nennen Sie das Utopie; nennen Sie es, die verachteten Orte zu bewohnen; nennen Sie es Berührung; nennen Sie es einen sich rasch wandelnden Virus der Hoffnung; oder das sich weniger rasch wandelnde Bemühen, verstört und unruhig zu bleiben.

Wir sind alle verantwortlich dafür, die Bedingungen für artenübergreifendes Gedeihen angesichts fürchterlicher Geschichte und Geschichten zu gestalten.

Im Jahr 2300 gab es Tausende von SprecherInnen für die Toten überall auf der Erde, jede und jeder mit der Aufgabe betraut, Lebewesen, die unwiederbringlich verloren waren, wirkungsvoll präsent zu machen, um all denjenigen Wissen und Mut zu geben, die weiterhin an der robusten und teilweisen Erholung der Erde arbeiteten. Über dreihundert Jahre lang hatten die kompostistischen Gemeinschaften ein wirkungsvolles, weltweites Netzwerk von Zufluchtsorten und Brennpunkten wiederauflebender naturkultureller Diversität errichtet. Die SprecherInnen für die Toten lehrten Praktiken des Erinnerns und Trauerns, um die vernichteten menschlichen und nichtmenschlichen Lebewesen in die fortgesetzten Anstrengungen miteinzubeziehen, die Fesseln des doppelten Todes abzuschütteln, die vielerlei Arten und Weisen des Lebens und Sterbens im Plantagozän, Anthropozän und Kapitalozän erstickt hatten.

Artikulation ist nicht einfach. Sprache wird durch Artikulation bewirkt, und das gilt auch für Körper. Die Artikulierten sind Gliedertiere; sie sind nicht glatt. Sie sind zusammengeflickt. Das ist die Bedingung des Gegliedertseins. Ich verlasse mich auf die Gliederwesen, um dem artefaktischen Kosmos von Monstern, Leben einzuhauchen. Die Natur kann stumm sein, sprachlos im menschlichen Sinne, aber sie ist hochgradig artikuliert. Der Diskurs ist nur einer unter vielen Artikulationsprozessen. Eine artikulierte Welt hat eine unentscheidbare Anzahl von Orten und Weisen, Verbindungen herzustellen. Die Oberflächen einer solchen Welt sind keine fugenlos gekrümmten Ebenen. Unähnliche Dinge können miteinander verbunden, ähnliche auseinandergebrochen werden – und umgekehrt. Die Oberflächen, die uns interessieren sind – übersät mit Tasthaaren, Ausstülpungen, Einstülpungen und Einkerbungen – in Glieder unterteilt. Als in Segmente unterteilte Wirbellose sind die Gliederwesen insektenhaft und wurmähnlich, und sie beeinflussen die entflammten Phantasien von Science-Fiction-Filmemachern und Biologen. Vielleicht sollten wir wieder in einer solchen „ungebräuchlichen“, amodernen Welt leben. Artikulieren heißt mit Bedeutungen versehen. Heißt Dinge zusammenzufügen, schaurige Dinge, riskante Dinge, kontingente Dinge. Ich möchte in einer artikulierten Welt leben. Wir artikulieren, also sind wir.

Und so erbte Camille 5 eine kraftvolle Aufgabe von Camille 4 – für die Toten zu sprechen, verlorene Lebenswege in aktiver Erinnerung fortdauern zu lassen und präsent zu halten, damit andere symbiotische und sympoietische Engagements nicht verzagten. Zentral für diese Aufgabe war es, nicht den Gestank in der Luft zu vergessen, der von der Verbrennung der Hexen herrührt, nicht die Morde an menschlichen und nichtmenschlichen Wesen während der Großen Katastrophen namens Plantagozän, Anthropozän, Kapitalozän, „wehzuklagen und zu trauern über die Zerstückelung der Welt“. Sich vom Trauern zum Wiederpräsentmachen und hin zu einer Praxis der lebendigen Erinnerung zu bewegen, war die Aufgabe der SprecherInnen für die Toten. Es war ihr Auftrag, die Heilung zu unterstützen, die überall auf der Erde an Schwung gewann.

„Covid 19 ist eine spirituelle Unabhängigkeitserklärung der Natur. Es ist die Generalprobe für eine ökologische Mutation. Das Virus zwingt uns, etwas zu unternehmen.“ (Bruno Latour)